Er begleitete seinen Gast bis an die Türe.
„Es wäre weiser gewesen, die deutsche Flotte schon früher zu vernichten. Wir steckten zuviel Geld in den Burenkrieg. Japan und die Finanzierung des fernen Ostens waren auch teuer. Wir haben über den ägyptischen Problemen und der Frage des Panama-Kanals Europa etwas vernachlässigt. Keine Wahrheit ist ernster, als daß alles Versäumte eine Guinea statt eines Shilling kostet. Nun — die City wird das Risiko übernehmen! Good bye!“
Nicolai Schjelting verließ den Mann, für den die Welt ein einziges großes Rechenbrett war. Er dachte sich: Wie klein ist dabei doch die Welt! Dieser Mensch aus Holz und Leder weiß nichts von Moskau, haßt Deutschland und ruft doch die Begegnung mit dieser Deutschen in mir wach. Er fuhr sich ärgerlich mit der Hand über die Augen, um das zu vergessen. Es war Zeit zur Bahn. In einem Buchladen kaufte er sich für die kurze Reise noch ein paar Broschüren: „Die Teilung Deutschlands“ — „Preußens Ende“ — „Das Lächeln des Elsaß“, wie sie da, erst seit ein, zwei Jahren, reihenweise im Schaufenster hingen. Aber am Nordbahnhof traf er Bekannte: den riesigen scharlachroten Coldstream-Major vom Vormittag, der einen Freund in Zivil, den Captain Nicholson vom Londoner Departement für militärische Operationen des Kriegsamts, an den Zug brachte. Der Wagen war überfüllt. In Paris war kein Bett mehr frei. So fuhren viele Fremde für die Nacht nach Brüssel. Auch eine amerikanische Gesellschaft, die von diesem schläfrigen, kleinen Nicholson vorgestellt wurde. Er gab sich kaum die Mühe, die Geringschätzung der Yankees durch den Briten zu unterdrücken. Er brachte beim Sprechen kaum die Lippen unter dem Zahnbürstenschnurrbart auseinander. Aber sie lauschten ehrfurchtsvoll in dem vollgepfropften Abteil dem Orakel, während der Zug durch das Hügelland Nordfrankreichs dahinjagte.
La Fère... St. Quentin ... nahebei Laon — weiter nach links Amiens... Maubeuge ... jeder Name eine Schlacht ... mehrere am selben Ort im Lauf der Zeiten... Immer waren die Deutschen da gewesen und hatten die Franzosen geschlagen. Die Amerikaner staunten. Sie wußten das nicht. Für sie fing die Weltgeschichte bei Georg Washington an. Nicolai Schjelting löste in seiner lebhaften Art den langsamen Captain Nicholson ab und belehrte die Dollarmenschheit.
„Wodurch Deutschland die beste Kalkulation des Kriegs besitzt? Durch seine Barbarei. Es ist das bewaffnete Mittelalter inmitten der Kultur. Voll von Königen, Herzögen, Ordensrittern, Marschällen, Edelleuten, wie auf dem Theater. Das Volk hat zu gehorchen!“
„Oh!“
„Das ist ja schrecklich!“ sagte ein jüngerer Amerikaner mit dunkelblondem Schnurrbart aus der Ecke.
„Ein allerhöchster Kriegsherr über Allen. Zahllose Gerichtsherren unter ihm, mit Macht über Leben und Tod. Geheime Ehrengerichte, denen jeder Gentleman untersteht. Blutige Zweikämpfe, selbst unter den Jünglingen der Colleges! Säbelnarben auf den Gesichtern der Richter!“
„Da möchte ich nicht leben!“ meinte wieder in ehrlichem Abscheu der junge Yankee in grauem Sommeranzug.
„Es ist der Militarismus. Der volle Gegensatz angelsächsischer Freiheit und lateinischer Kultur. Er muß ausgerottet werden!“