„Nun... Er ist doch der neue Schneider!“

Ghislaine fing an, wahnsinnig zu lachen, und ging, in einer leichten Koketterie sich wiegend und den Charme des Kleides zeigend, durch das Zimmer.

„Ah — ich bin etwas nervös! Ich gebe zu!“ sagte Nicolai Schjelting. „Besonders jetzt nach der Reise. Sie wissen, Mama: Ich vermag in Gastbetten nie zu schlafen!“

„Und statt sich einmal vom Arzt Ruhe verschreiben zu lassen...“

„Ich hätte jetzt in Moskau Gelegenheit gehabt, einen der berühmtesten Ärzte zu treffen...“

„Nun, und was meinte er?“

„Nichts!... Sein Assistent ließ mich nicht vor!... Dieser Deutsche...“

Er zog den Frack an und folgte mit umwölkter Stirne und unruhigem Gemüt den vorausgegangenen Damen. Im Letzten des Herzens verachtete sein asiatischer Hochmut diese reichen Kaufleute da unten. Er kannte zu genau ihre Schwächen, stieß sich mit seinem kühlen und methodischen Kopf fortwährend an dem inneren Widerspruch dieses Landes, das keine Flotte, aber riesige Kolonien besaß, das kein eigentliches Heer hatte, aber sich die stärksten Festungen der Welt baute, das ein neutraler Kleinstaat war und trotzdem mit heimlichen Fingern an den gefährlichsten Kanten der Weltgeschichte mitwob. Ihm schien Alles zwischen Maas und Yser aus zweiter Hand, eine französische Legierung mit englischem Stempel ohne eigenen Wert. Es hatte keinen Zweck, vor diesen Herren Philipon und Termuylen, Andriot und de Meester, Vandenbergh und Leroux sein Licht leuchten zu lassen. Sie waren gute Kaufleute, aßen gern gut, tranken gern gut, behängten ihre Frauen mit Diamanten und Perlen, ließen bei sich und Anderen fünf gerade sein und im Übrigen ... man dachte in Belgien nicht gerne über den Tag hinaus. Dazu war man zu leichtlebig und oberflächlich. Nicolai Schjelting schwieg zwischen ihnen mit seinem rätselhaftesten Lächeln. Wenn er einmal in seiner Eifersucht seine Frau aus den Augen ließ, fühlte er von Neuem den Widerwillen gegen die innere Zuchtlosigkeit, die ihm die Formel für Belgien zu sein schien. Kein Mensch hier ahnte eine irdische Gewalt über sich. Man lebte in einem Königreich, aber man kümmerte sich nicht um den König, man bildete einen Staat, aber man sprach und dachte nur als Vlame oder Wallone, man hatte eine Hauptstadt, aber das Ziel aller Sehnsucht war doch Paris.

Nur einmal wurde er lebhaft, als neben ihm Einer der Kaufherren auf Französisch zu dem anderen versetzte:

„Warum ich Charles nach Köln auf die Handelshochschule geschickt habe? Aus demselben Grunde wie Andriot seinen Sohn auf das Polytechnikum nach Karlsruhe. Sie müssen von den Deutschen Etwas lernen. Sonst kommen sie nicht mit... Die deutschen Kaufleute sind ja bei uns schon beinahe die Herren der Stadt. Antwerpen ist ein deutscher Hafen!“