„Im Frieden!“ sagte Nicolai Schjelting. Die Belgier blinzelten sich zu. Sie wußten wohl, warum die Geschütze der Maasfestungen gegen Deutschland zielten, warum der Fortgürtel wohl zu Lande Antwerpen umgab, aber die Einfahrt durch die Schelde den Briten freiließ. England wollte das so. Keine Gummiladung kam ohne seinen Willen vom Kongo. Und vom Kongo lebte man.
Krieg und Kriegsgeschrei. Madame Termuylen frug:
„Hat die große französische Generalstabsreise an unserer Grenze eigentlich schon angefangen?“
Und der Hausherr wußte durch seinen Schwiegervater, den alten General de Rigolet in Paris, Bescheid.
„In den nächsten Tagen! Beinahe dreihundert Offiziere. Sie bilden zwei Parteien. General Ruffey führt die Roten. General Castelnau stellt die Preußen dar. Er hat die Blauen unter sich!“
Herr Lambert war ein großer, starker, lebensfroher Mann mit rosigem Gesicht und goldenem Vollbart, das Urbild eines Rembrandt-Deutschen, wenn er auch kein Wort deutsch sprach. Er lenkte das Gespräch wieder auf Weizen und Wolle ab. Wozu sich die Verdauung stören? Krieg — was war Krieg? Man spielte mit dem Krieg, weil man ihn nicht kannte, und legte das Spielzeug wieder weg. Und vergaß es bis morgen. Schjelting fühlte das und verstummte wieder unter den Kaufleuten.
Nie war Brüssel üppiger, glänzender, heiterer gewesen, als in diesem jungen Grün zu Anfang Mai 1914. Längs der Blumenpracht der Place Botanique sah man Schneiderträume von Toiletten wie in Paris, die Limousinen in der Rue Royale zeigten französischen Luxus, über den Boulevard Anspach unten flutete ein Leben wie an der Seine. Nicolai Schjelting nur war mißvergnügt, unruhig, vereinsamt. Ihn drückte dieses satte, gedankenlose Behagen, dies Sporttreiben, Flanieren, galanten Abenteuern Nachgehen und Geldverdienen, als sollte ewig Friede auf Erden bleiben.
Gottseidank! Nun wurde sein Traum wieder zu rothosiger, knebelbärtiger martialischer Wirklichkeit. Er war mit seiner Frau und ihren Eltern im Auto hinaus nach der französischen Grenze gefahren. Aufatmend sah er wieder die Generale der Verbündeten, diese kleinen, energischen, beweglichen Herren in goldenem Käppi, sah die Blüte des jüngeren französischen Offizierskorps, das sie auf der großen Generalstabsreise begleitete. Dazwischen als Zaungast in Zivil der greise Rigolet. Der Haudegen von 1870 war hier im Widerschein des Krieges aufgelebt wie ein alter Schwadronsgaul beim Attackensignal. Mit jugendlichem Eifer erklärte er den Seinen die Lage. Blau und Rot rangen hier zwischen Sambre und Maas. Der Oberstleutnant Grégoire war so nahe herangeritten, daß die Vorderhufe seines Schimmels fast den weißen belgischen Grenzstein rührten und wies, ein Auge zukneifend, mit dem Reitstock nach Links. Dort lag das Schlachtfeld von Malplaquet. Dort waren die Engländer schon früher einmal gewesen. Und der blonde, gefährliche Leutnant Schouman, der bis dahin still mit Ghislaine geliebäugelt, verriet es durch ein Lächeln: Man konnte sich auch noch eine dritte Armee vorstellen, eine khaki-gelbe, die den Blauen von der Nordsee her in die Flanke fiel. Aus ihren Reihen sang es: ‚Are you down-hearted?‘ und die Dudelsackpfeifer spielten die Schottenmärsche ihres Clans.
Der General de Rigolet begleitete die Seinen zu einem kurzen Besuch nach Brüssel. Er hatte noch Augen wie ein Luchs. Nah von Namur veranlaßte er durch einen Zuruf den Chauffeur zu halten und lachte aus vollem Hals.