Ihren Brief aus Moskau kann ich erst heute beantworten. Unsere deutschen Briefkästen sind blau und treu, wie unten unsere Soldaten. Im Ausland giebt es schwarze Kabinette. Wir Beide teilen uns — weiß Gott — keine Staatsgeheimnisse mit. Aber es ist mir doch ein widerwärtiger Gedanke, daß so ein Belgier oder Russe in dem herumschnüffeln sollte, was wir uns schreiben...“
Auf dem Pflaster schütterte immer noch der Marschschritt, schrillten die Querpfeifen, rasselten die Trommeln. Isebrink sah hinab... Aha — die 30te Division, Straßburger Bataillone, die an der Ecke drüben zum Bahnhof einschwenkten. Vielleicht die Brigade Ludendorff. Im Kaffeehaus unter Isebrinks Fenster saßen an einem nach Pariser Art auf die Straße gerückten Tischchen ein paar junge Französlinge mit blauer Hemdbrust, weißem Stehkragen und roter Halsbinde, und zu den Farben der Tricolore die blutrote Boulanger-Nelke im Knopfloch. Sie lachten, die Hüte im Genick, frech zu den müden und verstaubten Truppen hinüber.
„Aber habe ich Ihnen überhaupt etwas zu schreiben, liebe Ingeborg? Man kommt sich manchmal schon ganz dumm vor, als der getreue Eckart in Uniform. Ihr glaubt Einem ja nicht. Sie wenigstens! Mit Ihrem Amerika!
Ich habe eben den Kaiser gesehen. Neulich Poincaré und den König von England. Und gestern noch Albert von Belgien. Das muß man sich gegenüber halten, wenn man sagt: Gottseidank, ich habe unsern Kaiser gesehen! Wir sind ja in Deutschland nie zufrieden. Aber was sind diese gekrönten Häupter da drüben gegen ihn? Diese Schwatzmichel von Advokaten, die in Zylinder und Regenschirm Paraden abnehmen. Unser Heer hat wirklich einen Herrn. Unsere Flotte auch. Er geht von hier nach Metz, fährt nach Helgoland. Er ist immer im Dienst. Und wir mit ihm und unter ihm. Das klingt ja in Ihrem Amerika sehr neckisch: ‚jeder für sich!‘ Aber, liebes Kind, wenn wir das sagen wollten, mitten im Herzen Europas, so hätten wir in Kurzem die Kosacken in Berlin und die Turkos in Wiesbaden. Wir haben uns ja schon tausendmal darüber gestritten. Es ist um die Wände hinaufzugehen, daß Sie das nicht einsehen!“
Die Straße unten war jetzt frei von Marschkolonnen, aber voll Menschen. Durch das neugierige Gewoge schritt ein ältlicher Abbé im Priestergewande, mit verkniffenen Zügen, lebhaft auf Französisch mit seinen Begleitern plaudernd. Alles sah ihm voll Interesse nach. Manche grüßten.
„Eben ging der alte, ehrliche Wetterlé unten vorbei. Der ist eigentlich eine wandelnde Reklame für uns — sozusagen die erste Schwalbe, die den Krieg anzeigt! Möchten Sie es doch in letzter Stunde kapieren, Ingeborg, daß ich nicht zum Spaß so ernst bin! Bald ist es vielleicht zu spät! Ich bin doch wahrhaftig mit allen Hunden gehetzt. Ich weiß mehr als Andere, Vieles, was ich nicht sagen darf. Eben wird mir das Auto gemeldet. Ich darf die Herren nicht warten lassen. Auf Wiedersehen in Wiesbaden! Ich habe immer noch Hoffnung, daß Einer von uns Beiden nachgiebt. Ich sicher nicht. Aber Sie sind ja das, worauf Sie so stolz sind: ein freier Mensch! Gebrauchen Sie diese Freiheit, um sie zu opfern...“
„Herr Hauptmann stammen aus dem Regiment Bernhard von Weimar?“ frug Graf Vläming, während der graue Kraftwagen knatternd das Münstertal entlang schoß. „Eigentlich ’ne tolle Garnison... Dagegen sind ja Mörchingen und Dieuze der reine Zucker!“
„Solche Drecknester haben auch ihr Gutes! Da setzt sich der Mensch aus reinem Stumpfsinn hin und arbeitet. Wir waren da vier strebsame Männerchen mit der versteckten Absicht auf die Kriegsakademie. Da ließen wir uns mit vereinten Kräften einen russischen Studenten aus Berlin als Lehrer für die Aussprache kommen und das nächste Jahr eine englische Miß — Nee, lachen Sie nicht — ein richtiges Scheusal und längst aus dem Schneider! Die brachte Einem nun so den Zungenschlag bei! Na und Französisch, das lernt sich ja hier von selber. So kommt der Mensch eben schließlich in den Generalstab!“
„Beneidenswert!“
„Gott... Glück!“