„So? Na — hier waren’s Lausbuben!“

„Ja, hier in Deutschland, da lassen sie sich leider gehen!“

Die kleine Frau Higgins hatte ganz krauses, aschblondes Haar, fidele hellblaue Augen und Grübchen von Komik um die Mundwinkel. Sie setzte sich der Schwester gegenüber.

„Ihr hier habt’s gut: Ihr nennt einen Lausbuben einen Lausbuben! Bei uns drüben wäre das nicht respektabel! Du glaubst nicht, wie verlogen sie sind! Bis in die Knochen. Es gehört zur guten Erziehung, sich selber zu beschummeln. Bei meinen Jungen fängt’s auch schon an...“

„... wirklich?“

„Wenn der Eine einen Apfel vom Andern haben will, dann sagt er sich, daß so viel Obst für den Bruder nicht gut sei. Und daß es andererseits nicht weise sei, einen Apfel verderben zu lassen! Und dann opfert er sich erst und frißt ihn! So sind sie Alle! — Ich fasse sie in Gottes Namen humoristisch auf...“

„Das ist noch ein Glück!“

„Sonst könnt’ man überschnappen! Behüte uns nur der Himmel vor einem Krieg zwischen uns und ihnen! Dann wüßt’ ich wirklich nicht, was aus mir wird!“

Der Krieg... Schon wieder. Immer Isebrinks Geist. De Klock — de sleiht — de Tied, de geiht. — Es summte und brummte in Inge Tillesens Ohren wie von einem fernen Kirchturm durch die Lichterhelle, das Menschengewühl, das Stimmengewirr des großen abendlichen Empfangs der Kongreßgäste im Hause ihres Vaters. Eben hielt der kleine dicke weißbärtige Professor Roussillon von der Pariser Sorbonne seine Anrede an den Gastgeber, der gerade in diesen Tagen auch noch seinen sechzigsten Geburtstag feierte.

„Cher maître — mon cher confrère...“ Er breitete die kurzen Ärmchen aus und fiel dem Geheimrat Tillesen beinahe um den Hals. Der stand schlicht und einfach da, ein äußerlich unscheinbarer Gelehrter, und lächelte still über Dinge und Menschen hinweg.