Schjelting merkte, daß seine Art, slawische Unbestimmtheit in gallische Klarheit zu pressen — dies geistreich-lässige Obenhin, dem er bei den Weltdamen von Petersburg und Paris den Ruf eines bedeutenden Kopfs verdankte, an Inge Tillesens ruhiger deutscher Sachlichkeit abprallte. Sein Lächeln hatte auf einmal etwas Asiatisches. Erinnerte sie an Moskau. Der ganze Mensch war ihr einen Augenblick unheimlich. Sie ersah die Gelegenheit, da gerade Washington T. Walker vom Harvard College in den Vereinigten Staaten sein Sprüchlein aufgesagt hatte, und trat zu ihrem Vater. Er tauschte mit ihr einen lächelnden Blick. Sie wußte: Für ihn waren diese Ansprachen nur Geduldproben, diese Ehrungen nur Zeitverlust. Er erfüllte hier nur seine Pflicht als geistiger Statthalter Deutschlands.
„Du Vater — da hast Du einen komischen Patienten. Eben schaut er wieder herüber. Er scheint mir reichlich verdreht!... Was fehlt ihm denn?“
„Soweit ich heute sehen konnte, gar nichts. Er kommt morgen wieder.“
Ein zimmtbraunes, schwermütiges, von kohlschwarzem Vollbart umrahmtes Gesicht: der Inder Aughudimalo brachte die Grüße Ceylons. Er redete zuerst Englisch. Dann, zum Schluß, in klangvollem Sanskrit. Feierlich hallten, in der Sprache Buddhas, die Urlaute der Menschheit durch Raum und Zeit zu Ehren Deutschlands. Wie Quadern der Ewigkeit fügten sich, in der Zunge Julius Cäsars die paar knappen lateinischen Sätze, die Exzellenz Tillesen zur Antwort sprach. Die Völker vermählten sich. Die Jahrhunderte flossen ineinander. Ein Bleibendes ragte aus dem Strom des Seins. Die Erkenntnis. Und Deutschland der Hüter des Horts.
Nicolai Schjelting war aufgestanden. Es glückte ihm nicht mehr, unauffällig in Inges Nähe zu kommen. Es schien ihm auch, daß sie ihn absichtlich vermied. Auf einmal sagte er sich: Pah — was tue ich hier? und fand sich schon mit umgeworfenem Sommermantel draußen in der Maikühle. In der fieberte er. Sein Herzschlag hämmerte. Er lief hastig die Sonnebergerstraße hinab und merkte dabei an dem harten Hall seiner Tritte, daß er seine Galoschen vergessen hatte, was ihm sonst nie geschah. Durch das Parkgebüsch zur Linken blinkten Hunderte von Glühwürmchen, die Lichter der italienischen Nacht. Die Wilhelmstraße war belebt wie am Mittag. Auf dem Schloßplatz daneben standen Massen vor dem Kaiserlichen Hoflager. Alle Fenster waren hell. Schwer bauschten sich ringsum die Fahnen. Vor dem Kurhaus knatterte es mit zischenden Raketen und dumpfen Donnerschlägen des Feuerwerks wie von einer Schlacht. Ein tausendfaches Ah hinterher. Er verzog ironisch die Lippen. Er dachte sich: Feiert nur Feste! Verplempert Euer Pulver! Wir halten unseres trocken. Wir sind am Werk! Ihr wißt nicht, wie nah!...
Plötzlich machte er Halt. Er griff sich an die Herzgegend, in einem Schrecken, wie er ihn noch nie in seinem Leben empfunden. Bei seiner methodischen Art, sich über Alles Rechenschaft zu geben, mußte er einmal klar darüber werden. Jetzt war der Augenblick da. Jetzt konnte er nicht länger dagegen ankommen und sagte sich, bleich geworden:
Was ist das? Ich will Deutschland vernichten und habe mich in eine Deutsche verliebt?...
Ich, ein verheirateter Mann. Und ein sehr wenig glücklich verheirateter Mann dazu!
Er bemühte sich, spöttisch zu lachen. Er zündete sich eine Zigarette an und sagte sich zwischen den zusammengebissenen Zähnen: Du träumst, mein Lieber! Das sind die deutschen Nebel! Voyons! ce n’est qu’ une fantaisie! Er dachte auf französisch, seine Lieblingssprache, um sich gegen Inge Tillesen zu wehren. Dabei stand er schon wieder vor ihrem Haus. Drinnen war Musik. Der Schatten von Menschen an den Fenstern. Die Straße lag dunkel und leer. Sporen klirrten auf ihr. Ein Hauptmann in dunkelrotem Kragen kam des Wegs. Er ging langsamer als sonst Offiziere. Sein Gesicht war sehr ernst. Er sah nicht nach dem Lichterglanz des Festes hinüber, sondern gerade vor sich auf den Boden, bis er Schjeltings Blick auf sich gerichtet fühlte. Eine Sekunde waren die beiden Männer Aug’ in Auge, erkannten sich gegenseitig, von der Begegnung in dem belgischen Eisenbahnabtheil her, maßen sich mit einem spöttischen und feindlichen Lächeln. Dann fiel im nächsten Haus das Tor ins Schloß. Nicolai Schjelting, der gefolgt war, las auf dem Messingschild: ‚Isebrink‘. Wider seine kalte Natur flackerte ein jäher Haß in ihm auf. Er gestand es sich, wie er die Straße wieder hinunterlief: Eifersucht gegen diesen Mann. Er hatte ihn und Inge Tillesen diesen Nachmittag vor dem Haus zusammen stehen sehen...
Und während er diese Nacht noch weniger als sonst schlafen konnte, ging es ihm durch den Kopf: Schließlich stößt man in Deutschland immer auf den, der den Säbel an der Seite trägt! Er ist der Erste und er ist der Letzte. Der deutsche Säbel muß zerbrochen werden. Das gilt im Großen wie im Kleinen. Für die Erde und für mich selbst.