„Mag er das Fleisch tragen!“ entschied der Doktor. „Ehe nicht sein Geister- und Riesenglaube besiegt ist, hilft es nichts, ihn zum Gehorsam zu zwingen. Ich bin nur begierig, wie Sie es anfangen wollen, die Beute fortzubringen, mein bester Herr Holm.“

„Und müßte ich sie wie ein Wickelkindchen tragen,“ rief der junge Gelehrte. „Aber was will Rua-Roa, er winkt mir fortwährend!“

Der Malagasche hatte das abgezogene Fell von Blut und Fleischteilen gereinigt und dann einen spitzen Stock geschnitten. „Da, Herr,“ sagte er etwas ängstlich, „willst du nicht den Babakut hineinwickeln? Zwei von euch können ihn tragen, an jedem Ende des Stockes einer. Rua-Roa nimmt das Fleisch.“

Holm lachte. „Zwei von euch!“ wiederholte er. „Nur du selbst nicht, Schlingel, und doch habe ich oft gehört, daß deine Landsleute den Babakut essen.“

Rua-Roa machte eine Gebärde des Abscheues. „Die Ambonga,“ sagte er, „die Wilden. Sie essen auch Schlangen und Makis, die Hovas kennen dergleichen nicht.“

„Makis!“ rief Holm. „Da erinnerst du mich, Junge. Ich möchte doch gar zu gern einen Eichhornmaki schießen.“

Der Malagasche nahm mit Hilfe eines zweiten, derben Steckens das Fleisch auf die Schulter. „Jetzt schläft der Aye-Aye, Herr,“ versetzte er, „aber Rua-Roa wird den Baum finden, in welchem er wohnt, und wird ihn aufscheuchen. Komm nur, dort unter den alten Tamarinden ist mehr als ein hohler Stamm, dein Sklave weiß es, er hat hier oft die jungen Papageien aus ihren Nestern genommen, um sie, wenn eine Anzahl beisammen war, nach Tananarivo zu bringen und für seinen Herrn zu verkaufen. Den Babakut kannst du hier liegen lassen, bis wir wiederkommen; es stiehlt ihn dir niemand, dessen bist du sicher.“

Holm schwankte. Durfte er den seltenen Schatz dem Zufall anvertrauen? — Aber freilich, fleischfressende Tiere gab es ja auf dieser Insel nicht, wer sollte ihm also sein Kleinod rauben? Nach kurzem Besinnen verbarg er das Paket mit dem unheimlichen Inhalt unter einer Schicht von großen Blättern, dann folgten alle dem vorangehenden Malagaschen. Der Hochwald dieser Gegend war unbeschreiblich schön und trug ganz den Charakter der tropischen Zone, wenigstens was die Mannigfaltigkeit des Pflanzenwuchses betraf. Hohe Mangobäume mit ihren saftreichen, unseren Birnen gleichenden Früchten neigten ihre tiefhängenden Äste schwer vom Segen so weit herab, daß die Knaben nach Herzenslust pflücken und essen konnten; wundervoll gefärbte Orchideen, lila, rosa, blau und schneeweiß oder vom reinsten Purpur, schwebten an ihren langen Kletterwurzeln in der Luft; ein kleines blaues, dem Vergißmeinnicht ähnliches Blümchen schmückte zu Tausenden den Boden; blütenreiche Akazien spendeten ihren Wohlgeruch, und mehrere Pandanusarten lieferten wohlschmeckende Früchte von der Größe einer Pomeranze. Ebenso wuchsen im Dickicht die verschiedensten Nüsse, weshalb auch bunte Papageien in ganzen Scharen die Baumwipfel bevölkerten. Das emsige Forschen des jungen Eingebornen währte nur kurze Zeit, dann hatte er den Schlupfwinkel eines Eichhornmaki entdeckt und konnte den heranschleichenden Gefährten ein Zeichen geben. In einer uralten Tamarinde befand sich eine Höhlung von der Größe eines Tellers, vor derselben lagen Haufen von Nußschalen, und an der rauhen Rinde des Eingangs klebten braune Haare, für den geübten Blick des jungen Malagaschen nur ebenso viele Zeichen, daß im Innern des hohlen Stammes ein Eichhornmaki seinen Wohnsitz haben müsse.

Holm und Franz standen mit geladenem Revolver hinter den nächsten Bäumen, während Rua-Roa die Tamarinde umschlich und mit dem Knöchel des Zeigefingers überall anklopfte. Längere Zeit hindurch blieben seine Bemühungen ohne Erfolg, die Weißen zweifelten, daß eines dieser zierlichen Äffchen in dem Baume verborgen sei; der Bursche aber blieb bei seiner Behauptung. „Aye-Aye schläft,“ sagte er, „wir müssen ihn wecken.“

Und vor die Mündung der Höhle tretend, brachte er das Gesicht derselben ganz nahe. Ein schriller, plötzlicher Schrei durchgellte die morgendliche Stille des Waldes, — dann suchte der Sklave seinen früheren Versteck wieder auf. Eine Gebärde befahl den Weißen, sich mäuschenstill zu verhalten.