Franz fühlte eine eigentümliche Beklommenheit. Das war so etwas wie Zauberei oder eine Art von abergläubischem Unsinn; er gratulierte sich, daß es ein Geheimnis bleiben sollte. Wenn sein Erzieher davon erfahren hätte, so würde ihm ein scharfer Tadel sicher gewesen sein. Rua-Roa sollte womöglich auf den Samoa-Inseln von den dortigen Missionaren getauft und in die christliche Kirche aufgenommen werden; er durfte also den heidnischen Brauch seiner Heimat nicht im Herzen festhalten, Franz durfte ihn darin nicht bestärken, aber doch ließ er sich von der Macht des Geheimnisvollen überwältigen; der Eid war geleistet und verlangte nun strenge Heilighaltung.

Mit einem Händedruck trennten sich die beiden jungen Leute, nicht ahnend, welche schwerwiegenden Folgen das seltsame, dem Malagaschen hochfeierliche Spiel dieses Abends späterhin nach sich ziehen sollte.

Doch greifen wir den Ereignissen nicht vor.

Am anderen Tage wurde die Stadt St. Louis besehen, Einkäufe aller Art besorgt und ein Ausflug ins Innere der Insel gemacht, um dort den Bambu-Pik zu ersteigen. Auf dieser Tour füllten sich die Botanisiertrommeln mit vielen bis dahin noch nicht angetroffenen Pflanzen, namentlich einer Phönixart mit roten, prachtvollen Trauben, Mimosen mit scharlachnen, gelben und hellgrünen Blüten und vielen ausgezeichneten Kasuarinen; auch von den beiden hier angesiedelten, ursprünglich amerikanischen Bäumen, der Kampesche und der Agave, wurden Zweige gepflückt. In den Gärten gedieh die wohlriechende Vanille; ganze Felder von Zuckerrohr boten sich dem Blick; Tamarinden bildeten lange, schattige Alleen; aber Getreide wurde nirgends gebaut. Der Bambu-Pik selbst zeigte sich als roter, stellenweise in das schwärzliche hinüberspielender Basalt, dem aller Baumwuchs fehlte, der aber mit dem schönsten, üppigsten Gras bedeckt war. In den Thälern weidete hier und da ein vereinzelter Hirsch, andere Tiergattungen fanden sich jedoch nicht vor; die Übervölkerung der Insel hat sämtliche vorhandene Arten dem Untergange schon längst preisgegeben; von den ursprünglich in den Wäldern angetroffenen Wildschweinen findet sich kein einziges mehr, ebensowenig Schildkröten oder jener große ausgerottete Vogel, die Dronte, der hier auf Mauritius „Dodo“ heißt, und von dem man überall nur noch Knochen besitzt, aber nirgend ein lebendes Exemplar.

Die Aussicht von der Höhe des Bambu-Pik war entzückend schön, obgleich der Charakter dieser ganzen Landschaft keineswegs etwas Großartiges oder gar Wildes besaß. Dörfer und stille, einsame, an Flüssen liegende Mühlen, reiche Gärten und Pflanzungen, dazwischen wenig Wald und über die ganze Insel hinlaufende Straßen, alles umsäumt von den tiefblauen Fluten des Indischen Ozeans, so zeigte sich das Gesamtbild, dessen Einzelheiten trotzdem manches Neue und Überraschende darboten, hier einen Käfer, dort eine Ranke oder ein Stück Erz und dann wieder einen bescheidenen Erdwurm, der sich nicht träumen ließ, daß er heute auf seinen Wanderungen einem raublustigen Feinde begegnen werde.

Ein Tag genügte, um diesen Ausflug zu beenden. Schon der nächstfolgende Mittag sah das Schiff wieder auf hohem Meere, der Insel Ceylon entgegendampfend. „Jetzt kommen wir abermals in die Gebiete wilder Völker und wilder reißender Tiere,“ erläuterte Holm. „Da heißt es, die Sorglosigkeit der letzten Wochen abstreifen und bis an die Zähne bewaffnet sein Leben gegen feindliche Angriffe verteidigen. Wo denken Sie die Insel anzulaufen, Herr Kapitän?“

„Im Norden,“ antwortete der alte Seemann. „Landen wir bei Trincomali oder Galle, so sind wochenlange beschwerliche Reisen notwendig, um in das Innere zu gelangen. Auf der Nordseite dagegen, in den großen Bergwäldern, hausen die Veddas; dort ist Tier- und Pflanzenleben sowie das der Bewohner noch ganz ursprünglich, — ich denke, Sie werden Ihre Zwecke in diesen Gegenden am besten erreichen, namentlich was die Jagd betrifft.“

„Für Waffen und Munition ist gesorgt,“ versetzte Holm. „So können wir denn diesmal das Moschustier erlegen und den malabarischen Schakal.“

Die Knaben freuten sich der Aussicht auf die langentbehrte, aufregende Jagd. Sie erzählten dem Malagaschen so viel von den großen Raubtieren und den Pflanzenfressern, welche er nicht kannte, sie zeigten ihm so viele Bilder von Elefanten, Giraffen und Löwen, daß auch er anfing neugierig zu werden und nebenbei Lani-Lamehs Weisheit in Zweifel zu ziehen. Die Erde sei eine große, flache Scheibe, hatte auf Madagaskar der verschmitzte Zauberer seinen gläubigen Zuhörern eingeprägt, und die Insel selbst schwimme als Mittelpunkt des Ganzen in einem großen Wasser. Alles übrige sei wüstes Land, wo nur die Weißen wohnen, die nichts als Schiffe und Bücher besitzen und von Menschenfleisch leben.

Franz zeigte dem Erstaunten einen Globus, erzählte ihm von der Kugelform der Erde, von ihrer Drehung und bezeichnete mit Stecknadeln Madagaskar, Mauritius und Ceylon. Dann ließ er ihn die Bilder großer europäischer Städte sehen und brachte es allmählich dahin, ihm sagen zu können, daß die „Hammonia“ von Hamburg aus ihre Fahrt angetreten habe, um in die Heimat der Aufklärung und allgemeinen Bildung solche Schätze an Naturalien zurückzubringen, wie sie eben nur der tropische Süden besitzt, und wie sie nur gedacht werden können in einem Lande, wo noch Menschen und Tiere im ursprünglichen Wildheitszustande mit einander um die Herrschaft streiten. — Rua-Roa lauschte fast andächtig diesen Belehrungen seines jungen Freundes. Er ahnte nicht, daß für den weißen Knaben selbst bedeutend mehr als für ihn an Erkenntnis daraus hervorging. Franz dachte der Niederlassungen seines Vaters in der Südsee, und wie vielen Hunderten, ja Tausenden von armen Wilden das Haus Gottfried schon bürgerlichen Wohlstand und Erlösung aus der Nacht tiefster menschlicher Unwissenheit in ihre entlegene Inselheimat gebracht. Der Beruf des Kaufmannes war doch ein schöner, großer, war ein Zweig der hohepriesterlichen Sendung, welche nach Gottes Willen der Mensch dem Menschen gegenüber vollzieht, wo immer dem ärmeren Bruder die Hand gereicht und das Fackellicht der Gesittung in früheres Dunkel getragen wird.