Es sind eben der Wege so viele und der natürlichen Anlagen oder Neigungen so mannigfache; Missionar und Naturforscher brechen Bahn; sie bilden die Pioniere der Zivilisation; sie würden aber ganz ohnmächtig bleiben, wenn nicht der Kaufmann mit großen äußerlichen Mitteln nachkäme und den Gedanken bürgerlich geordneter, christlicher und menschenwürdiger Zustände durch Handel und Wandel zur Wirklichkeit erhöbe.
Es war gewiß, daß Franz nicht mehr beabsichtigte, seinem Bruder dereinst den Thron des väterlichen Kontors allein zu überlassen und selbst fortwährend die Welt zu bereisen; im Gegenteil freute er sich mehr denn je auf die persönliche Kenntnis der Samoa-Inseln und spann schon jetzt weitaussehende Pläne, träumte von Schöpfungen, die erst in fernen Jahrzehnten das Licht des Daseins erblicken konnten.
Rua-Roa lernte emsig. Außer seinen regelmäßigen Unterrichtsstunden widmete er sich mit der ganzen Wißbegier eines aufgeweckten Kopfes allen solchen Dingen, die in einem zivilisierten Lande dem Kinde gleichsam unmerklich, mühelos bekannt werden, und Franz war auf allen diesen Gebieten sein treuer Führer. Die Mühe blieb aber auch nicht ohne Lohn; Rua-Roa, nachdem er erfahren, daß das Katzengeschlecht über die ganze Welt verbreitet ist, und daß es so vielfach der Stellung des verhätschelten Lieblingstieres gewürdigt wird, — Rua-Roa nahm eines Tages Murr auf den Arm und schloß Frieden mit dem alten Rattenbesieger, der schon lange Jahre auf anderen Schiffen nach allen Teilen unserer Erde mit Kapitän und Steuermann Reisen gemacht und dem Leben am Lande ganz fremd geworden war. Auch daß seine Amulette als Kuriosität in das Museum wandern würden, und daß der weiße Hahn — eben ein Hahn war wie alle übrigen auch, wußte und erfuhr der Gelbe, aber die Erkenntnis wurde ihm nicht aufgedrängt, und zugleich mit dem besseren Verstehen kam über seine Seele jene Gewißheit des Christen, daß, wenn auch nichts Irdisches ein guter oder böser Geist oder gar übernatürlicher Kräfte fähig ist, so doch selbst das niederste Wesen zum Werkzeuge Gottes wird. Der weiße Hahn hatte durch seine Nähe die augenblickliche Vollstreckung des Todesurteils erfolgreich verhindert, Rua-Roa lernte aber jetzt erst, daß nur dem göttlichen Willen, nicht dem Werkzeug desselben, der Dank des Menschen dargebracht werden darf.
Während der Fahrt gab es hinreichende Arbeit für die jungen Forscher. Denn auf den Felsriffen und in den kleinen flachen Binnenseen, welche die Koralleninseln bildeten, war eine reiche Beute gesammelt, die zum Versand präpariert werden mußte. Die Seeigel und Seesterne hielten sich in einer großen Bütte, die mehrere Male des Tages mit frischem Seewasser gefüllt wurde, in Gesellschaft der Seerosen und vieler Krebse am Leben, und deshalb gelangten zuerst die Schnecken und Muscheln zur Präparierung, von denen einige bereits einen unangenehmen Verwesungsgeruch aushauchten.
„Von den Schnecken gebrauchen wir die Schale und die — Zunge,“ sagte Holm, „das übrige Tier ist nur ein unangenehmer Ballast.“
„Die Zunge?“ fragte Hans.
„Jawohl,“ antwortete Holm, „die Zunge, diese ist das einzige feste Organ im Schneckenleibe. Sie besteht aus derselben harten Masse, die den Panzer der Käfer und anderer Insekten bildet und ist mit vielen Reihen eigentümlicher Zähne besetzt, mit denen sie die Pflanzenstoffe zerreibt, von denen sie sich nährt. Die Schneckenzungen sind sehr verschieden gestaltet, aber die zu einer Gattung gehörenden Arten besitzen in der Zungenbildung stets große Ähnlichkeit, wenn ihre Gehäuse in Farbe, Form und Zeichnung auch noch so sehr von einander abweichen. Die Zungen dienen daher zur Feststellung der einzelnen Arten und sind den Zoologen, welche sich vorzugsweise mit dem Studium der Konchylien beschäftigen, außerordentlich wichtig.“
Die gesammelten Schnecken wurden mitten auf den Tisch geschüttet, alle setzten sich um denselben, auch der Doktor, der eine Pfeife angezündet hatte, um den üblen Geruch der bereits faulenden Meertiere zu mildern. Holm nahm nun eine der Schnecken und zeigte den Knaben, wie man mit einem krummen kleinen Haken aus Eisen im stande sei, den weichen Körper der Schnecken aus ihrem Gehäuse herauszuziehen, wozu freilich Geduld und Geschicklichkeit gehörte, denn er saß oft sehr fest in den engen Windungen der Schale. Sobald der Schneckenkörper frei dalag, machte Holm mit einem scharfen Messer, dem sogenannten Skalpell, einen Einschnitt in den vorderen Teil desselben und konnte dann nach einigem Suchen mittels einer feinen Pinzette einen länglichen, ziemlich zähen Gegenstand herausziehen — die gewünschte Zunge. Nachdem dieselbe in einer kleinen, mit Spiritus gefüllten Schale abgespült worden war, wurde sie in ein Stückchen Papier gewickelt und in das mittlerweile gereinigte und ausgespülte Schneckenhaus gesteckt, das ebenfalls in Papier gewickelt wurde. So kamen denn stets die wichtigsten Teile, Schneckenhaus und Schneckenzunge, zusammen, und eine Verwechselung konnte später nicht möglich sein.
Als sie unter den Schnecken ein schönes Exemplar der Purpurschnecke fanden, sagte Holm: „Nun werde ich euch eine sehr schöne Zunge unter dem Mikroskop zeigen.“ Er legte die dem Schneckenkörper entnommene Zunge auf den uns bereits bekannten Objektträger, brachte einen Tropfen Wasser auf dieselbe und bedeckte sie mit einem Deckgläschen, das er sanft preßte, um die Zunge etwas breit zu drücken. Die Knaben waren erstaunt, als sie bei einer zweihundertfachen Vergrößerung die spitzen Zähne dieser Zunge erblickten und die Regelmäßigkeit wahrnahmen, mit welcher dieselben sich aneinander reihen. Um ihnen den Unterschied zwischen den einzelnen Formen zu zeigen, präparierte Holm in gleicher Weise die Zunge einer Strandschnecke (Litorina). Hier waren die Zähne weniger spitz, dagegen rundlicher geformt als bei der Purpurschnecke, aus der bereits die Phöniker den blauroten Farbstoff gewannen, mit dem sie die berühmten Purpurgewänder färbten.
Da die Zunge der Strandschnecke in natura um vieles größer war, als die Zunge der kleineren Purpurschnecke, so mußte bei gleicher Vergrößerung das mikroskopische Bild derselben auch bedeutend umfangreicher erscheinen.