„Nun, so laßt uns dies rohe Fleisch mal ohne Bitterkeit verzehren. Vielleicht schmeckt auch das Fleisch der Schildkröte im Naturzustande erträglich.“

„Wenn nur vor Nacht die Eingebornen wirklich kämen!“ seufzte der Doktor. „Eure Berechnung könnte auch täuschen!“

„Ganz unmöglich, bester Doktor. Franz hat recht, es ist auf Plünderung abgesehen; ich glaube aber nicht, daß sich die Javanen blicken lassen werden, ehe wir durch Hunger und Gefahren tüchtig mürbe gemacht worden sind. — Einstweilen wollen wir den Rest des Fleisches in die Schildkrötenschale legen und einsalzen. Franz, du bist wohl so gut, die Eier und die Nüsse in eine sichere Ecke zu bringen; ich denke, wir essen zur Nacht nur frische Früchte, ihrer besseren Verdaulichkeit wegen. Hans und Rua-Roa haben vortreffliche Melonen und Erdbeeren heraufgebracht, sie müssen davon noch mehr holen.“

Das geschah, und so zog durch die angestrengte, körperliche Thätigkeit sowohl als auch durch das Zureden Holms einige Ruhe und Zufriedenheit in die Herzen wieder ein. Gegen Abend, als noch ein paar erlegte Vögel und ein Hase die Vorratskammer anfüllten, als sich Berge von Beeren und Eiern häuften, gewann sogar die alte fröhliche Reiselaune die Oberhand. Zwei von den jungen Leuten sollten wachen, zwei schlafen, und am folgenden Morgen wollte man auch ein Feuer entzünden. Die heißen Sonnenstrahlen des letzten Tages hatten Zweige und Gräser vollständig getrocknet, Wachskerzen und Streichhölzer waren genug vorhanden; also ließ sich mit Recht erwarten, daß die Eier hart gekocht und das Fleisch gebraten werden könne. Von dem Gepäck der Weißen hatten die Javanen nichts mitgenommen, daher fand sich auch der Blechkessel nebst Pfanne noch vor, ebenso Gabeln und Löffel; alles wurde schönstens an den Wänden der „Küche“ geordnet, trocknes Holz und Gras herbeigeholt und Steine zum Herd aufeinander gelegt. Was von Insekten, Fledermäusen und Schlangen in den Winkeln umherkroch, das beförderte ein schneller Griff mit dem künstlich aus Gras und Reisern hergestellten Besen in die Tiefe des Wasserfalles hinab oder in die Freiheit des Hochwaldes hinaus, und als so das Haus wohl bestellt war, setzten sich die beiden ersten Wachhabenden, Holm und Hans, mit geladenen Kugelbüchsen unter den Eingang, während die übrigen schliefen.

Das ungewisse Licht des Mondes fiel zuweilen in die Schluchten hinein, zuweilen versteckte es sich unter Wolken und ließ alles in um so schwärzerer Dunkelheit zurück; die Baumkronen flüsterten und rauschten, reife Früchte fielen von den Zweigen, und mehr als eine Tiergattung zeigte sich den Blicken. Affen plünderten die Fruchtbäume, namentlich die Tamarinden; Schuppentiere mit ihrem sonderbaren länglichen und von dreieckigen Panzerplatten bedeckten Körper verfolgten emsig die Ameisen und Termiten in den unteren Schichten des bewaldeten Berges; kecke, gefräßige Wanderratten gingen dem Geruche der frisch geschlachteten Tiere nach, und nicht selten erschien sogar zähnefletschend ein grauer Affe oben auf dem Berge.

Die beiden jungen Leute plauderten halblaut. Hans war es im Stillen zufrieden, daß die Weltreise jetzt zur Hälfte hinter ihm lag, er sehnte sich nach geordneten bürgerlichen Zuständen und sprach mit dem Freunde über dessen eigene fernere Pläne, als stärker und stärker werdend, aus dem Thale ein Geräusch herauftönte. Es klang wie der Schritt vieler kletternder, scharrender Füße, ja sogar Laute, die dem lechzenden Atem eines jagenden Hundes glichen, durchdrangen erkennbar die nächtliche Stille. Holm und Hans sprangen auf, ihre Gewehre lagen im selben Augenblick schußgerecht, sie riefen mit lauter Stimme die anderen.

Vielleicht hatten diese überhaupt nicht so ganz sicher geschlafen; in wenigen Augenblicken standen alle kampfbereit den Genossen zur Seite. Wo aber war nun der Feind? — Weit und breit zeigte sich kein lebendes Geschöpf.

Holm legte den Finger auf die Lippen. „Still! von da unten her kam es. Ich bin meiner Sache ganz sicher.“

Auch Hans bestätigte, daß lebende Wesen im Anzuge sein müßten; alle Glieder der kleinen Gesellschaft horchten daher gleich gespannt, beobachteten mit gleicher Aufmerksamkeit den breiten Paß, durch welchen heraufkommen mußte, was sich ihnen in ihrer Felsenburg als Besucher nahen wollte. Eine Viertelstunde verging in dieser Weise ohne irgend ein Ergebnis zu bringen; schon wurde flüsternd beraten, ob es nicht das Klügste sei, einige Schüsse abzufeuern und so die Tiere, welcher Art sie wären, zur Flucht zu veranlassen, als ganz plötzlich in dicht gedrängten Haufen die Angreifer auf dem Kampfplatz erschienen. Wilde Hunde, vielleicht zwanzig bis dreißig an der Zahl stürmten den Berg hinan; die roten, lechzenden Zungen hingen aus den Mäulern hervor, die Augen funkelten bösartig unter den langen, struppigen Haaren; die Gestalten waren durchweg mager und von Mittelgröße; die Erscheinung sowohl dem Fuchs als dem Wolfe ähnlich und das Fell von schmutzig rötlicher, schwarzgesprenkelter Färbung. Die Meute, sonst vor dem Menschen flüchtend, war von dem Geruch der oben aufgespeicherten Tiere angelockt worden und wälzte sich jetzt gleich einer Lawine durch den Gebirgspaß heran, dabei von den Männern durchaus keine Notiz nehmend, sondern unter einander kämpfend und beißend um das frische Fleisch. Alle diese dunkeln Gestalten waren zum Knäuel geballt; ein Bellen und Schreien, ein Toben und Stürzen, das wahrhaft betäubend wirkte, lähmte jeden Entschluß. Menschen und Tiere rangen um den engen Raum des Felsens, Menschen und Tiere vermischten ihre Stimmen zum unentwirrbaren, dämonischen Lärm.

Wieder war es Franz, den die ungestüme Leidenschaft hinriß, einen argen Fehlgriff zu begehen. Er legte an und schoß ohne zu zielen in den Haufen der wilden Hunde hinein. Jetzt kam, was kommen mußte! Wütend gemacht durch den plötzlichen Angriff, wandten sich die Tiere den Jägern zu, und es entspann sich ein Kampf, bei dem die Männer schießend und schlagend, ja sogar mit ihren großen Messern stechend bis an die Felswand zurückwichen und nur unter Aufbietung aller Kräfte das Leben retteten. Während die Hunde niemals ihrerseits angegriffen hätten, wurden sie durch den ersten Schuß in Wut versetzt und kannten nun keine Scheu mehr. Rechts und links füllten ihre Leichen, ihre zuckenden, schwer verwundeten Körper den Weg, aber auch sämtliche Männer bluteten. Der Doktor hatte eine Wunde im Oberarm, Franz war gefallen und in die Schulter gebissen, Holms Stiefel klaffte weit aus einander, während der Fuß blutete, und Hans seinerseits hatte genug zu thun, um mit der arg zerfetzten Rechten überhaupt noch Notwehr zu leisten. Nur der Malagasche war gut davon gekommen. Auf einen Felsblock springend und von dort schießend, kämpfte er tapfer mit, ohne selbst in Gefahr zu geraten, der Instinkt des Wilden leitete ihn an, vorerst für seine Person Deckung zu suchen.