Etwa einen halben Tag lang wurde der Topf mit seinem sonderbaren Inhalte gelinde erwärmt, bis eine herausgenommene Schale erkennen ließ, daß der Körper des Tieres von der Kalilauge zerstört und aufgelöst sei. Jetzt war nur noch nötig, die Schalen mit reinem Wasser gut abzuspülen, zu trocknen und zu verpacken. Damit das papierdünne Gehäuse nicht zerbrechen konnte, wurde seine innere Höhlung, soweit als möglich, vorsichtig mit Baumwolle vollgestopft.
Franz äußerte, als die trefflich erhaltenen, sauberen Schalen in Sicherheit gebracht waren, „ein Naturforscher müsse doch eigentlich von vielen Dingen Kenntnis haben, wenn eine Reise in fremde, wilde Länder mit gutem Erfolge gekrönt sein soll. Sogar ohne ein wenig Chemie kann man nicht auskommen,“ meinte er.
Holm stimmte ihm bei. „Auf keinem Gebiete rächt sich die Einseitigkeit mehr, als auf dem der Naturforschung,“ sagte er. „Die Geheimnisse der Natur werden nicht durch einen einzigen Schlüssel erschlossen, zu ihren Wundern führt nicht bloß ein Weg, sondern mannigfaltig, wie sie selbst sind, sind auch die Mittel und Wege, sich ihr zu nahen und sie zu erkennen. Unsere Aufgabe,“ setzte er hinzu, „besteht hauptsächlich darin, den Gelehrten neues und reiches Material für ihre Beobachtung zu verschaffen. Es ist dies zwar nur ein Zweig der Naturforschung, aber wie ihr seht, erfordert er mancherlei Kenntnisse, Handgriffe aller Art, und selbst die Chemie darf nicht fehlen. Denn das Zersetzen eines tierischen Körpers mit Kalilauge ist ein chemischer Prozeß.“
Seesterne jeder Gestalt, Würmer, Krabben und mehrere Fische, sogar ein ganz kleiner Haifisch bildeten den Rest des ergiebigen Fanges, dessen Einteilung und Aufbewahrung mehrere Stunden in Anspruch nahm. Alle diese Schalen sollten vom nächsten Hafen nach Hause geschickt werden, man mußte sie also vorher reinigen und von ihren Insassen vollständig befreien; der Hai wurde zum Ausstopfen bestimmt und die Würmer in Spiritus gesetzt, kurz, man hatte alle Hände voll zu thun, als plötzlich ein lauter Schreckensruf über das Deck dahinschallte.
„Land! Land! — Wir laufen geradeswegs auf den Strand.“
Rua-Roa hatte mit bleichem Gesicht und dem Ausdruck des Entsetzens die Worte hervorgestoßen; jetzt deutete seine erhobene Rechte auf das Meer hinaus. „Seht doch! Seht doch! — Wir sind unrettbar verloren.“
Vom Ausguck her erscholl fröhliches Lachen, auch Papa Witt schmunzelte, und der Kapitän rief aus der Kajütte herauf ein kräftiges: „Donnerwetter, Junge, entdeckst du neue Weltteile?“ — Dennoch aber entstand im ersten Augenblick ein Laufen und Fragen, ein Durcheinander, wie es bei jedem Schreckensschrei sich zu entwickeln pflegt; die kleine Gesellschaft drängte zum Schiffsrand, sämtliche Arbeiten wurden vergessen, und aller Augen suchten den gefürchteten Strand.
In geringer Entfernung vom Schiff erschien auf den Fluten eine unübersehbare grüne Fläche. Schlanke Halme wogten im Wind, nirgends war von Wasser eine Spur zu bemerken, kleinere Vögel hatten sich in dem dichten Grün häuslich niedergelassen, und sogar liegende Baumstämme, Zweige mit Laub und Blüten trieben an den Kanten. Das Ganze schien regungslos auf der Oberfläche des Meeres zu schwimmen, es sah aus wie eine üppige Grasfläche, so daß selbst Holm dem inzwischen an Deck gekommenen Kapitän fragend und einigermaßen erstaunt entgegenblickte. „Was in aller Welt ist das?“ rief er.
„Eine Seewiese!“ lächelte der Alte, „und eine sehr unbedeutende sogar. Das, was Sie da sehen, ist der sogenannte Seetang, die bekannte grüne Alge, welche massenhaft in allen Meeren vorkommt. Diese Wiese ist in ihren ersten Anfängen irgendwo vom Grunde losgerissen, weitergetrieben und anderen treibenden Pflanzen begegnet, das alles hat sich verflochten und verfilzt, ist gewachsen und zur ansehnlichen Fläche geworden, bis endlich eine förmliche, treibende Insel entstand. Dergleichen findet man sehr häufig.“
Er rief den Decksjungen und befahl ihm, einige große Stücke Steinkohlen zu bringen. „Sehen Sie her, wie dicht mit der Zeit ein solches Gewebe wird!“ fügte er hinzu.