Seine Rechte warf auf das grüne Ufer, an dem man hart vorüberfuhr, eine Kohle, die auf der Oberfläche liegen blieb. Es sah aus, als gleite das Schiff dahin am friedlichen, fruchtbaren Gestade, als sei die Reise eine Fahrt durch den engen, dörflichen Fluß, dessen Ränder Wiesen und Äcker begrenzen. Länger als eine Viertelstunde währte diese Täuschung, dann blieb das Eiland mit seinem saftigen, erquickenden Grün allmählich hinter dem Dampfer zurück, und schon vor Mittag war es den Blicken entschwunden.
Das Diner wurde wie gewöhnlich bei schönem Wetter an Deck eingenommen, der Koch hatte zu den frischgefangenen Krebsen die notwendige Schüssel mit Spargel hergerichtet, dazu gab es von Surabaja her noch Kartoffeln und Hühner; die Mahlzeit war also ganz danach angethan, ihre Teilnehmer besonders zu befriedigen und an die Heimat zu erinnern. Seit länger als anderthalb Jahren befanden sich die Reisenden unterwegs, aus den Stadtkindern von zarter Gesichtsfarbe und lang aufgeschossenem Wuchs waren derbe, sonnenbraune junge Leute geworden; Hans zeigte keine Spuren früherer Kränklichkeit mehr, sein älterer Bruder behauptete sogar, in nicht allzu ferner Zeit ein Rasiermesser anschaffen zu müssen, und selbst Holm hatte sich kräftiger entwickelt, wie alle gesunden Menschen, die viel Seeluft genießen und in weiten Fußwanderungen ihre Muskeln stärken; — Westafrika, Madagaskar, Mauritius, Ceylon und Java waren durchforscht, Gefahren aller Art bestanden und Schätze des Wissens eingesammelt worden; — um so häufiger aber dachten die Herzen der Weltumsegler gerade der engen nordischen Heimat; mitten in den Prachtbildern der südlichen Zone erschien ihnen oft im Traume das Antlitz der Vaterstadt, und schöner und entzückender als die Tropen mit aller ihrer Reichtumsfülle deuchte den weit Entfernten der Elbstrand, an dem sich daheim das Elternhaus erhob. —
„Schiff in Sicht!“ rief der Matrose am Ausguck, und wenige Augenblicke später fügte Papa Witts Stimme hinzu: „Ist ein Hamburger! — wahrhaftig, ich glaube sogar, einer von unseren eigenen Dampfern!“
Der Kapitän sprang auf und sah durch das Fernrohr. „Richtig, es ist der „Julius Cäsar“!“ rief er, „ich erkenne ihn am Bau.“
Jetzt kam Bewegung in die jungen Leute. Der „Julius Cäsar“ war daheim auf Steinwerder erbaut, sie kannten den Kapitän und durften hoffen, noch mehr als ein vertrautes Antlitz an Bord zu entdecken. Das beste aber war, sie würden ganz neue Nachrichten erhalten, würden dieses und jenes erfahren, was zu Hause inzwischen passiert war, und selbst mit denen sprechen können, die das alles angesehen hatten; — ihre Ungeduld, ihre sehnliche Erwartung stieg von einem Augenblick zum andern. —
„O, Herr Kapitän, wenn nur das Schiff nicht achtlos an uns vorüberfährt!“ rief Hans.
„Hat keine Not, mein Junge. Sie beobachten uns ebensowohl als wir sie. Aha, da hörst du es!“
Ein Kanonenschuß rollte über das Wasser dahin, ein zweiter und dritter folgten. Die „Hammonia“ war erkannt, der Kapitän vom „Julius Cäsar“ grüßte den schwimmenden Bau, der die Söhne seines Chefs über das Weltmeer trug. Noch war die Entfernung für einen Anruf durch das Sprachrohr zu groß, aber dafür antwortete vom Deck unseres Dampfers die Kanone; beide Flaggen wechselten Zeichen, und endlich begann die Unterhaltung. Der „Julius Cäsar“ war von einer Hamburger Firma für Batavia gechartert und kam von dort, um nach den Schifferinseln zu gehen, wo er die Rückfracht für Reeders Rechnung einnehmen sollte, er fuhr im Augenblick mit Ballast und würde sich die Ehre geben, der „Hammonia“ eine Visite abzustatten.
Nah und näher schwammen die beiden Eisenkolosse an einander heran. Was deutsche Schiffsbaukunst erfunden und deutsche Hände gefügt, das trug in seinem sicheren Schoße jetzt am entgegengesetzten Ende der Erdkugel deutsche Herzen auf unergründlichem Weltmeer einander entgegen; Deutschlands Flagge entfaltete rauschend ihr leuchtendes Schwarzweißrot; hüben und drüben wurden die Hüte geschwenkt; jubelnde Zurufe bekundeten das gegenseitige Erkennen, und dann lagen beigedreht, rastend vom eilenden Laufe, die beiden Gottfriedschen Schiffe Seite an Seite; von jedem Bord senkten sich die Boote ins Wasser, und alles was Urlaub hatte, das machte dem neugewonnenen Nachbar einen Besuch, alles was Stimme hatte, das grüßte die Landsleute, das sprach ein Wort des Willkommens, der Freude.
Vor wenigen Monaten waren ja die Leute vom „Julius Cäsar“ noch in Hamburg gewesen; der Kapitän hatte den Papa und die Mama persönlich gesehen, sie gesund und glücklich verlassen; er berichtete hundert Einzelheiten von zu Hause und wurde doch unaufhörlich nach allem Möglichen gefragt, mußte über die geringsten Kleinigkeiten Auskunft geben und beinahe mehr antworten als er Atem hatte. Die Matrosen auf beiden Schiffen erhielten einen freien Tag und eine Extraration Rum; die Handharmonika wurde hervorgeholt, in aller Eile ein bißchen für den äußeren Menschen gethan, und dann entwickelte sich auf dem engen Raum des Verdeckes ein lustiges Tänzchen, wobei die Leichtmatrosen als Damen galten, aber trotzdem ihren Anteil an Grog und Kautabak bestens entgegennahmen. In der Kajütte wurde bei Kaffee und Kognak geplaudert, während die alten heimatlichen Melodieen, die Hamburger Straßenklänge über das weite Wasser dahinschallten und die derben Stiefel der Mannschaft den Takt vernehmlich stampften.