„Drucks nicht so, drucks nicht so, — Kommt ’ne Zeit, bist wieder froh!“ —
Die Reisegenossen sahen einander an. Wie oft hatten sie es erfahren!
Und leise, leise fielen sie ein in die bekannten Strophen. Es lag doch in diesem Wiedersehen auf hohem Meere außer der Freude auch ein stiller, beinahe feierlicher Ernst. So nahe dem Tode, nur durch eine schwache Wand von der Tiefe getrennt, durch die ganze Erdkugel von der Heimat und allen Lieben geschieden, an den höchsten Zielen der Menschheit, ihrer wissenschaftlichen Aufklärung mitarbeitend und selbst das Höchste genießend, was wenigen Glücklichen beschieden ist, sich frei und ungehemmt, vom äußerlichen Druck der Verhältnisse unberührt, nach Wunsch und Bedürfnis einrichten zu können, — wie lagen hier die ernsten, schwerwiegenden Kontraste des Lebens so nahe bei einander, wie gingen untrennbar verflochten Hand in Hand die edelsten geistigen Genüsse und die vollkommenste Selbstentäußerung tausend und abertausend Beschwerden gegenüber.
Der Abend dämmerte schon, und die Sterne bezeichneten den Kurs, als endlich an den Aufbruch gedacht wurde. Wie viel Neues hatten nicht die Wanderer erfahren, mit wie vielem Stolz und Vergnügen hatten sie gehört, daß hinter den Gittern des Zoologischen Gartens und im Museum alle ihre Sendungen, namentlich der reiche Fang von Mauritius den Landsleuten als ein Teil der gemachten wissenschaftlichen Ausbeute täglich vorgeführt wurde. Die großen seltenen Muscheln waren unbeschädigt, die ausgestopften Tiere wohlerhalten angelangt, die lebenden erfreuten sich des besten Gedeihens; Kapitän Hollberg hatte daheim in Hamburg jedes einzelne gesehen und bewundert; auch das erste Buch von Franzens Reiseerinnerungen, lauter Bleistiftskizzen aus dem Urwalde, im Zelt oder auf hoher See gefertigt, war mit dem Postdampfer richtig angekommen, Mama zeigte es mit Stolz allen Freunden des Hauses, und sämtliche Klassenkameraden ihres Sohnes drängten sich, um darin blättern zu dürfen.
Noch immer anderes, immer mehr gab es zu berichten, und doch mußte jetzt die Trennung erfolgen. Ein herzliches Lebewohl wurde ausgetauscht, ein Glückauf von Bord zu Bord, die Ziehharmonika ging unvermerkt über in die Melodie von „Muß ich denn, muß ich denn zum Städtle hinaus!“ — Die Dampfmaschinen begannen abermals ihre Thätigkeit, nach rechts und links wandte das Steuer den schlanken Bau, und die Flaggen wehten Abschiedsgrüße.
„Übers Jahr, übers Jahr, wenn ich wied’rum komm!“ sangen die Matrosen; von hüben und drüben dröhnten die Kanonen den Baß, und weiter und weiter dehnte sich zwischen den Schiffen das blaue, bewegliche Element. — Nichts mehr zu erkennen jetzt, die Abendschatten umhüllten mit ihren Schleiern jegliche Form, nur zuweilen flog ein Seevogel über das Deck dahin, und eintönig schlugen, immer drei und drei, die Wellen gegen den Rumpf; sonst alles still, so still wie nach einem Abschied das Herz zurückbleibt, — einsam und heimlich schauernd.
Franz suchte den Malagaschen. Der war eigentlich heute ganz vernachlässigt worden, man hatte seiner vergessen, als so plötzlich die Heimat ihre Boten sandte. Rua-Roa saß hinter der Kombüse und sah mit gekreuzten Armen über das dunkle Meer hinaus; Franz erschrak, als er das blasse Gesicht seines Freundes heimlich beobachtete; er legte ihm die Hand auf die Schulter. „Woran denkst du, Rua?“ fragte er halblaut.
Der Malagasche zuckte leicht. „Waren das deine Brüder, Herr?“ sagte er nach einer Pause. „Männer aus deinem Lande?“
Franz nickte. „Warum hast du dich so ferngehalten, Rua?“
Der junge Mensch seufzte. „Ich dachte so an manches, Herr; du mußt nicht glauben, daß ich mein Vaterland vergessen habe, aber — — dahin möchte ich doch nie wieder.“