„Warum nicht? Wenn du ein Christ geworden bist und deutscher Unterthan, dann kann niemand mehr deine persönliche Freiheit beschränken.“
Der Malagasche sah ihn an. „Niemand, der Gesetze kennt und Gesetze achtet, Herr, aber meine Brüder sind arme Wilde, sie würden den entlaufenen Sklaven den Krokodilen vorwerfen. Ein Sklave hat keine Heimat!“
„So hast du sie da, wo ich die meinige besitze, Rua!“ sagte innig der Sohn des Millionärs. „Du rettetest uns allen das Leben, seit dieser Stunde bist du mein Bruder.“
Und der Malagasche lächelte, obgleich sich in seinen Augen schwere Thränen gesammelt hatten. Die Musik und die Wiedersehensfreude der anderen weckten in seinem Herzen, ihm selbst unbewußt, das schlummernde Heimatsgefühl, er dachte an die Bambushütten und die bunten Wolldecken, an das feierliche Krokodilgericht und Lani-Lameh den Zauberer, der einst seine ersten Begriffe gelenkt, der ihm gesagt, daß die Welt eine runde Scheibe sei, schwimmend im Urmeer, und Madagaskar darin die Mitte; daß sich in das Gebiet der bösen Gewalten hinauswage, wer ein Schiff besteigt und die Ufer der Erde verläßt, ja und daß irgendwo tief verborgen Zannaar der Weltgeist in einer Höhle wohne, in unsichtbaren Räumen, nie erspäht von Menschenaugen, nie zu finden, so lange auch Sterbliche suchen mögen. — —
Jetzt kannte er die Irrtümer aller dieser Anschauungen, jetzt wußte er, daß Lani-Lameh ein schlauer Spitzbube sei und die Hovas arme Wilde, aber doch hatte es ihm heute so eigen weh ans Herz gegriffen, und er dachte heimlich: „Ich möchte ein großer Vogel sein und einmal über die stillen Dorfhütten dahinfliegen, — nur einmal!“ —
„Du bist mein Bruder!“ wiederholte Franz, „mein lieber, guter Bruder.“
Der Malagasche nickte, aber auf die weiße Hand, welche ihn liebkoste, fielen warme Thränen.
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Das Zusammentreffen mit den Landsleuten hatte in den Gemütern der jungen Reisenden ein Gefühl zurückgelassen, das fast dem Heimweh glich. Der Doktor suchte die Trauer der Knaben durch milde Worte zu verscheuchen, allein es gelang ihm nur halb. Holm dagegen meinte: „Doktor, das beste Mittel gegen Betrübnis ist und bleibt die Arbeit, vergessen wir nicht, zu welchem Zwecke wir die Reise unternommen haben. Auf, ihr jungen Argonauten,“ rief er, „verlangt uns auch nicht nach dem goldenen Vließe, so steht unser Sinn doch nach den Schätzen des Meeres, die es in seinem weiten Schoße birgt. Laßt uns sehen, was das Schleppnetz an das Licht der Sonne fördert. Nutzen wir Zeit und Gelegenheit.“ Ein engmaschiges, lang dahingestrecktes Netz, dessen Vorderseite mit einem schweren, eisernen Rahmen versehen war, wurde am Spiegel des Schiffes hinabgelassen und folgte auf dem Grunde des Meeres nachschleifend der „Hammonia“.
Nach zwei Stunden rascher Fahrt wurde es in die Höhe gewunden, und von diesem Augenblicke an wich die trübe Stimmung der gewohnten Lust zum Sammeln, Beobachten und Präparieren, und auch die alte Fröhlichkeit stellte sich wieder ein.