„Man kann allerdings mit demselben Seide und Wolle violett färben,“ entgegnete Holm, „aber trotzdem wird aus diesem Grunde keine Jagd auf ihn gemacht, denn derselbe Farbstoff, den der Seehase in seinem Organismus erzeugt, wird in Europa alljährlich in Hunderten von Zentnern fabrikmäßig hergestellt und zwar aus dem Steinkohlenteer. Genaue Untersuchungen haben ergeben, daß der Farbstoff des Seehasen nichts anderes ist als — Anilin-Violett.“

„Wir müssen diesen Anilinfabrikanten des Meeres mitnehmen,“ rief Franz.

„Gewiß,“ antwortete Holm, „zumal diese Art von jener im Mittelmeer lebenden bedeutend abweicht. Eins ist aber zu bedenken. Wenn wir den Seehasen in Spiritus legen, so löst dieser den Farbstoff auf und färbt die Weichteile der übrigen Geschöpfe, welche wir in denselben Behälter thun, ohne Gnade violett. Er muß daher in einen Glashafen für sich gelegt werden und warten, bis er Gesellschaft von seinesgleichen erhält.“

Also geschah es auch. Die übrigen Schnecken wurden in der bereits bekannten Weise gereinigt und verpackt.

Mit den Fischen mußte allerdings anders verfahren werden, denn sie verlieren im Spiritus zum größten Teil ihre Farbe.

Holm verfuhr zum Konservieren der Fische nun in folgender Weise.

Er füllte eine kleine Spritze aus Zinn, die mit einer langen feinen Ausflußröhre versehen war, voll von einer Auflösung von Karbolsäure in starkem Weingeist. „Die Karbolsäure,“ erklärte er, „ist eine Substanz, welche tierische Körper vor der Fäulnis schützt. Auch in dem Rauche von Holz und Torf kommt sie vor und bewahrt Fleisch und dergleichen vor dem Verderben, wie das Räuchern von Schinken und Würsten zur Genüge darthut. Selbst menschliche Leichen wurden im alten Ägypten oft durch bloßes Räuchern in Mumien verwandelt.“

Das feine Rohr der Spritze wurde nun vorsichtig in den Rücken des Fisches gesteckt und durch langsamen Druck das dort befindliche Fleisch mit der Karbolsäurelösung durchtränkt. Ebenso wurden die Eingeweide, der Rachen und das Gehirn mit der Lösung ausgespritzt. Mittels eines Pinsels erhielt die Oberfläche des Fisches ebenfalls ihren Anteil der konservierenden Flüssigkeit, und dann wurde der Fisch in die Sonne zum Trocknen gehängt.

In wenigen Tagen waren selbst große Fische fast steinhart angetrocknet und konnten hierauf mit einem durchsichtigen Firnis überzogen werden, der die Einwirkung der Luft abhielt und die Farben glänzend hervortreten ließ. Das war die einfachste Methode zum Konservieren der Fische, die ihre natürliche Gestalt behielten und so gut wie möglich ihre Farbe. Einzelne Exemplare jedoch mußten gezeichnet und mit Tuschfarben koloriert werden, da sie auch bei dieser Prozedur ihr schönes Aussehen verloren. So in voller Beschäftigung schwanden die Stunden und Tage, bis Borneo in Sicht kam und gelandet werden konnte.

Borneo! — Eine neue Wunderwelt tropischer Geheimnisse, aber auch neue harte Mühen und Drangsale. Das äquatoriale Innere brachte zum erstenmale seit Afrika wieder jene brennende Sonnenglut, an die sich der Europäer nie so gewöhnen kann, daß sie ihm nicht mehr lästig und schädlich wäre; es brachte den voraussichtlichen Kampf mit fast ganz wilden Menschen, den Dajaks oder Kopfjägern, die zum Teil so berüchtigt sind, daß an eine Durchforschung ihres Gebietes gar nicht gedacht werden konnte; mit reißenden Tieren und allen Gefahren des dichten Urwaldes; aber dennoch zog die kleine Schar fröhlich und voll heiteren Mutes fürbaß, nachdem schon die Einfahrt auf einem der vielen großen Arme des Baritoflusses zur wahren Vergnügungsreise geworden war. Borneo ist von einem 6—10 Meilen breiten Gürtel von Anschwemmungen umgeben, so daß nur auf den Flüssen ein Eindringen in die Insel überhaupt möglich wird, diese Fahrt aber zwischen himmelhohen Bergen und im Angesicht einer zauberhaft schönen Pflanzenwelt gehört zu den großartigsten Eindrücken, welche der Reisende jemals empfangen kann. Freilich verhindert die Unzugänglichkeit der Insel auch im höchsten Maße das Vordringen der Kultur, freilich schreckt sie die Weißen erfolgreich zurück (es wohnen dort alles in allem keine dreihundert Europäer, während Java viele Tausende zählt), aber sie macht auch dem Naturforscher gerade diesen Punkt der Sundainseln zum interessantesten und bedeutendsten unter allen. Nirgends die häßlichen, kahlen Ufer Afrikas, der Sand und Busch, die Mangrovensümpfe, welche dort den Ankommenden empfangen; hier war alles üppig treibender Urwald, hier blühte es und trug Riesenblätter, Riesenhalme auf jedem Zollbreit Bodens; ja nicht selten neigten sich die Wipfel von beiden Seiten so schirmend und schattenspendend über den Fluß herein, daß das Schiff in einer kühlen, vom süßesten Blumenduft durchwehten Laube dahin zu schwimmen schien. Die Stadt Banjar-massing hat keinen weltbekannten Namen, ist kein vielbesuchter Hafen wie Batavia und Surabaja; die Reisenden konnten also nicht erstaunt sein, auch keineswegs eine schöne, wohleingerichtete Stadt zu finden, vielmehr nur äußerst notdürftige, ja zum Teil erbärmliche Wohnungen, in denen eine Bevölkerung von Chinesen, Arabern, Malaien und den eingebornen, hier an der Küste als Tagelöhner arbeitenden Dajaks ein buntes, aber wenig anziehendes Gesamtbild lieferte. Jede Wohnung, jede Straße, ja selbst jedes Menschenantlitz schien schwärzlich vom Staub der Kohlengruben, die sich in großer Anzahl um den Ort herum befanden.