Die Rast in Banjar-massing benutzte Holm, um einen lang gehegten Wunsch in Erfüllung zu bringen, der darin bestand, den von Hamburg aus nachgesandten photographischen Apparat in stand zu setzen und sich desselben zu Aufnahmen zu bedienen. Bis jetzt war es ihm nicht möglich gewesen, die nötige Ruhe und einen geeigneten Ort zu finden, um die Knaben in der Handhabung des Apparates zu unterweisen, und schon oft hatte er bedauert, an so vielen schönen und merkwürdigen Punkten vorübergehen zu müssen, ohne sie, bis auf das kleinste Detail naturgetreu, auf photographischem Wege abkonterfeien zu können. Wenn auch die Knaben im Zeichnen nicht ungeschickt waren und manchen Naturgegenstand fast künstlerisch ausgeführt in ihren Skizzenbüchern verewigten, so ließen doch die Zeichnungen von Personen und besonders von Landschaften manches zu wünschen übrig.

Des bequemen Transportes wegen war der Apparat sehr leicht gearbeitet. Er besaß zwei photographische Linsensysteme, um gleichzeitig zwei Bilder von ein und demselben Gegenstande aufnehmen zu können, als wenn derselbe von den beiden Augen des Menschen betrachtet würde. Später mußten die hiermit erhaltenen Bilder im Stereoskop den körperlichen Eindruck hervorbringen, als wenn sie dem Beschauer plastisch greifbar vor Augen ständen.

Holm richtete den Apparat so, daß eine Straße von Banjar-massing sich vor den geschliffenen Gläsern desselben befand, und zeigte den Knaben nun, wie diese auf der matten Glasscheibe, welche den Hintergrund der sogenannten Camera obscura bildete, in umgekehrter Stellung mit allen Einzelheiten in verkleinertem Maßstabe zum Vorschein kam. Zu unterst erschien der blaue Himmel, dann kamen die Dächer der auf dem Kopfe stehenden Häuser, die Fensteröffnungen, die Thüren, dann folgten als oberster Teil des umgekehrten Bildes die Straße und der Erdboden.

„Nun gilt es,“ sagte Holm, „an die Stelle der matten Scheibe, auf die das scharfe, deutliche Bild der aufzunehmenden Gegenstände fällt, eine Glasplatte zu bringen, die mit einer lichtempfindlichen Substanz überzogen ist und die derart von den Lichtstrahlen verändert wird, daß die feinsten Abstufungen zwischen Licht und Schatten, hell und dunkel auf derselben deutlich und unveränderlich sichtbar werden. Da wir nun eine solche lichtempfindliche Platte nicht im Tageslicht präparieren können, müssen wir diese Operation im Dunkeln vornehmen.“

„Aber im Dunkeln kann man doch nicht sehen, was die Hände vollbringen!“ warf Hans ein.

„Wir bedienen uns einer Lampe oder einer brennenden Wachskerze,“ entgegnete Holm, „denn das Licht einer kleinen Flamme besitzt nicht so viel chemische Wirkung, um der Platte schaden zu können. Auch das Tageslicht, welches durch eine gelbe Glasscheibe fällt, ist wirkungslos, so daß das Reisezelt, in welchem wir unterwegs die Platten präparieren werden, mit einem gelben Fensterchen versehen werden konnte, welches genug unwirksames Licht für unsere photographischen Manipulationen durchläßt.“

Holm nahm nun eine der mitgebrachten Glasplatten und putzte sie mit einem weichen Leinwandlappen und einigen Tropfen Weingeist so lange, bis sie vollkommen rein war und der Hauch des Mundes nur flüchtig an ihr haftete. „Merk auf, Rua-Roa,“ sagte er, „denn das Amt eines Plattenputzers mußt du später übernehmen.“

Aus einer Flasche goß Holm hierauf ein weniges einer gelblich gefärbten sirupartigen Flüssigkeit, die einen starken Geruch nach Hoffmannstropfen verbreitete, auf der Platte. „In dieser Flasche befindet sich eine Auflösung von Schießbaumwolle in Äther und Alkohol,“ sagte er. „Da der Äther auch in den Hoffmannstropfen enthalten ist, die häufig als belebendes Mittel gebraucht werden, so erklärt sich euch der bekannte Geruch dieser Flüssigkeit. Die aufgelöste Schießbaumwolle hinterläßt beim Antrocknen eine glasartige zähe Haut, und gerade diese Eigenschaft ist es, welche uns hier zu gute kommt.“

„Aha,“ sagte Franz, „ich weiß schon, wie man diese Flüssigkeit auch sonst nennt. Sie heißt Kollodium und eignet sich zum Überpinseln von Brandwunden, damit sich eine Haut über denselben bilde, die vor dem Zutritt der Luft schützt.“

„Ganz recht,“ bestätigte Holm, „nur ist bei diesem Kollodium zu bemerken, daß in demselben Jod- und Bromsalze aufgelöst sind, deren Eigenschaften wir jetzt im Dunkelzimmer näher studieren wollen.“