„Nun fällt das umgekehrte Bild, welches wir vorhin auf der mattgeschliffenen Glasscheibe wahrnahmen, direkt auf die weißgelbe Jodsilberschicht, die wir im dunkeln Zimmer bei schwachem Kerzenlichte hergestellt haben,“ erläuterte Holm. „In dem Zeitraum von fünf bis sechs Sekunden werden die Lichtstrahlen hinreichend gewirkt haben, und deshalb schließen wir den Apparat, nachdem wir langsam bis sechs gezählt haben, schieben auch den Schieber der Kassette wieder zu und begeben uns in das Dunkelzimmer zurück.“

Hier angelangt nahm Holm die Glasplatte aus der Kassette und zeigte sie den Knaben.

„Ich sehe keine Spur von einem Bilde,“ rief Hans, nachdem er die Platte aufmerksam betrachtet hatte.

„Nicht eine Andeutung von Zeichnung,“ bestätigte Franz, „gewiß hat das Licht nicht lange genug eingewirkt.“

„Ich fürchte fast, wir haben bei dem hellen Lichte des hiesigen unbewölkten Himmels schon zu lange exponiert,“ sagte Holm. „Jedoch wir wollen sehen.“

Bei diesen Worten goß er mit Gewandtheit eine klare Flüssigkeit über die Platte, die in der That nicht im geringsten verändert erschien, und nun zeigte sich ihnen ein Schauspiel von ganz eigenem Reiz. Einzelne Teile der präparierten und dem Lichte ausgesetzt gewesenen Schicht begannen sich dunkel zu färben, und zwar erschien diese Veränderung da zuerst, wo der blaue, lichte Himmel war. Dann folgten die weißen Mauern der Häuser, welche sich scharf von der dunkleren Straße abhoben, die auf der Platte fast weiß blieb. Überhaupt konnte man wahrnehmen, daß überall da, wo das hellste und stärkste Licht gewirkt hatte, die Jodsilberschicht sich dunkel färbte, daß dort, wo gemäßigtes Licht von halberleuchteten Gegenständen hingefallen war, die Färbung im Verhältnis schwächer blieb, während die Stellen, welche in der Natur dunkel oder schwarz waren, auf der Platte keinerlei Färbung annahmen, sondern weiß blieben.

Nach einiger Zeit spülte Holm die Platte mit reinem Wasser tüchtig ab und hielt sie gegen das Licht.

Ein Freudenruf entschlüpfte den Lippen der Knaben. Da war ja die Straße von Banjar-massing mit allen ihren Einzelheiten in verkleinertem Maßstabe auf der Platte sichtbar, so allerliebst und so sauber ausgeführt, wie es der menschlichen Hand mit Stift und Pinsel nicht möglich war. Nur erschienen die hellen Partieen auf der Platte dunkel und die dunklen hell; es waren die Verhältnisse zwischen Licht und Schatten umgekehrt.

„Wir nennen ein solches Bild, mit verkehrtem Licht und Schatten, ein Negativ,“ sagte Holm; „es verhält sich in dieser Beziehung ähnlich wie die Gipshohlform zum Körper, der abgeformt wurde, und ebenso wie jene dient das Negativ zur Anfertigung von Abdrücken, bei denen die alte Ordnung wieder hergestellt wird.“

„Wie kam es aber,“ fragte Franz, „daß das Bild erst sichtbar wurde, als eine Flüssigkeit über die Platte gegossen wurde, und was enthielt diese Flüssigkeit, um diese merkwürdige Wirkung auszuüben?“