„Ich goß eine Auflösung von Eisenvitriol in Wasser über die Platte,“ entgegnete Holm. „Der Eisenvitriol hat die Eigenschaft, das Silber aus seinen Lösungen in Gestalt eines feinen, grauen, metallischen Pulvers auszuscheiden, und dieses Metallpulver legt sich auf jene Stellen des Jodsilbers an, die vom Lichte getroffen wurden. Je stärker die Lichtwirkung war, um so dichter setzt sich der Silberniederschlag ab, weshalb denn auch die hellsten Teile des Bildes, der Himmel und die weißen Wände der Häuser, am schwärzesten und undurchsichtigsten sind. Jetzt haben wir nur noch nötig, das Jodsilber durch eine Auflösung des giftigen Cyankali in Wasser zu entfernen, die Platte gut zu waschen und zu trocknen, worauf sie gefirnist wird, um sie vor Verletzungen, Schrammen u. dgl. zu schützen. Sobald wir später auf dem Schiffe Muße haben, werden wir von den Negativen, die wir aufnehmen, Abdrücke machen. Jetzt, ihr jungen Forscher, benutzt die günstige Gelegenheit und bildet euch durch praktische Übung zu tüchtigen Photographen aus, damit es unserem Journal nicht an Illustrationen fehle.“

In wenigen Tagen hatten die Knaben die erforderliche Übung in den photographischen Handgriffen erlangt, worauf die Reise in die Umgegend von Banjar-massing unternommen wurde.

Gleich am ersten Tage wurde eins der schon erwähnten Kohlenbergwerke besichtigt. In starken Körben gelangten die Reisenden bis zu dem tief unter der Erdoberfläche liegenden, im Mittelpunkt des Baues befindlichen Raum, von wo aus Seitengänge hineinführten in die schwarze, glitzernde Tiefe. Der Anblick war eigentümlich genug. Nur mit einem Lendenschurz bekleidete Dajaks schwangen hier im lichtlosen Schoß der Erde ihre Keilhacken, um das Brennmaterial für weit entfernte Länder oder zum Gebrauch für Dampfschiffe aus den festen Lagern loszubrechen und in Körbe zu sammeln, die dann mittels der Windenvorrichtung hinaufbefördert und ausgeschüttet wurden. Jeder Mann trug vor der Brust eine Blechlaterne, bei jedem war das Haar, lang und seidenweich wie Frauenflechten, am Hinterkopf zusammengebunden und fiel in schwarzer, glänzender Flut auf den unbekleideten Rücken herab; auch weibliche Geschöpfe nahmen teil an dieser gesundheitsschädlichen Beschäftigung, alle aber waren von ihrer mühseligen Arbeit dermaßen in Anspruch genommen, daß sie kaum aufzublicken wagten, und von den gewiß seltenen Besuchern keinerlei Notiz nahmen.

Ein trauriges Bild des Menschenelendes zeigte sich in diesen armen Wesen, die von der holländischen Regierung sowohl als von ihren eigenen malaiischen Gebietern nur wie Lasttiere angesehen werden und fast nicht besser wie Sklaven sind. Die Luft in den engen, schlecht gestützten Gängen war kaum zu atmen, erstickend heiß, mit tödlichem Staub gefüllt und lag drückend auf den Nerven der Weißen; das Klettern über den unebenen Weg und die stete Nähe der Gefahr ließen sie sehr bald an Umkehr denken. Holm brach aus den ganz mit Kohlenschichten angefüllten Wänden einige Stücke los, die Knaben verteilten unter die Arbeiter das zu diesem Zweck mitgebrachte Kleingeld, und dann krochen alle aus den verschiedenen Seitengängen zurück zur Mitte, wo wenigstens hoch über ihnen der blaue Himmel seine Decke spannte. Die Grube war ungewöhnlich breit, im Dreieck angelegt und mit erbärmlich unsicheren Stellagen versehen. Was that es, wenn einmal ein Gang verschüttet wurde? Quer durch das ganze gesegnete Land zog sich das meilenbreite Kohlenlager, und Arbeiter gab es ebenso in Hülle und Fülle. Mochten immerhin einmal ein paar hundert zu Grunde gehen, das fand kaum Beachtung. Die Winde oben setzte sich in Gang, einer nach dem andern gelangte an das Tageslicht, und einer nach dem andern sah schaudernd zurück in die gähnende Tiefe. Wie war es nur möglich, daß lebende Wesen da unten jahrein, jahraus zu atmen vermochten, daß sie nicht jedes sonstige Los diesem Lebendigbegrabensein vorzogen?

So weit die holländische Botmäßigkeit reicht, ist die eigentliche Sklaverei abgeschafft, nur eine Art von Robot- oder Zwangsarbeitssystem nötigt die Eingebornen zu geregelter Thätigkeit, oft nicht ohne einige Härte. Im Innern aber tobt zwischen Malaien und den älter eingebornen Dajaks Fehde und Blutrache, und wer von den Dajaks in die Hände der Malaien fällt, ist Sklave.

Die wenig für ausdauernde Arbeit geschaffenen, leichtsinnigen und jähzornigen Dajaks sind bei allen diesen Eigenschaften lebhafter Charaktere dennoch feige; sie finden nie den Mut, die eingedrungenen Malaien mit Gewalt aus ihrem Lande zu entfernen, aber sie überfallen dieselben bei jeder Gelegenheit, einzeln oder in ganzen Mordgesellschaften, auf ihrem eigenen oder auf gegnerischem Gebiet; immer jedoch aus dem Hinterhalt, niemals in offener ehrlicher Fehde. Jeder derartige Mord, mittels Kopfabschneiden ausgeführt, zieht die sogenannte Blutrache nach sich, ein Greuel, der um ganze Familien und ganze Stämme seine dämonischen Bande schlingt und nicht eher erlischt, bis vielleicht der Ur-Urenkel des Gemordeten den Ur-Urenkel des Mörders erschlug und seine Kinder mit sich führte in die Sklaverei. —

Fremde Reisende waren an dieser Küste offenbar eine seltene Erscheinung. Araber und Chinesen umdrängten die seltenen Gäste in der Hoffnung, sie gehörig rupfen zu können; als aber jegliches Geschäft ausgeschlagen wurde, als man sah, daß es sich nicht um Gold-, Diamanten-, oder Kohlenspekulationen handelte, da ließ man die sonderbaren Schwärmer, welche nur Insekten einfangen und die wilden Dajaks kennen lernen wollten, ihres Weges gehen, ohne weitere Notiz von ihnen zu nehmen. Ebenso schwer war es, den seßhaften Küstenmalaien, die nur zu ganz andern Zwecken ins Innere vorzudringen pflegten, begreiflich zu machen, daß man zur Reise in das Innere notwendig einige ortskundige Führer brauchte. Die Leute kannten dergleichen Unternehmungen aus früherer Erfahrung nicht; es kam nie jemand, um das Land zu durchforschen; sie schüttelten daher zuerst die Köpfe und hielten lange Beratungen, bis endlich fünf Männer, offenbar als Abgesandte der ganzen Kolonie, bei den Weißen in der chinesischen Herberge erschienen und ihre Dienste anboten. Sie wollten die Fremden begleiten, natürlich für schweres Geld, dessen Auszahlung nach erfolgter Rückkehr bei dem deutschen Konsul stattzufinden hatte. Durch die gemachten schlimmen Erfahrungen gewitzigt, ließen Holm und der Doktor diesem Kontrakt die Klausel beifügen, daß sich die fünf Männer durch keinerlei Stellvertretung selbst den übernommenen Verpflichtungen entziehen dürften und daß die Bezahlung nur dann verdient und fällig sei, wenn beide Teile, Führer und Reisende, mit einander wieder anlangen sollten.

Darauf gingen die Malaien ohne Widerspruch ein; sie mußten also nichts Arges im Schilde führen, und nachdem alles genügend vorbereitet, machte sich die Gesellschaft auf, um das Innere der schönen Insel zu sehen, freilich zu Fuß, da eingeborne Pferde gänzlich fehlen, aber darum in nicht weniger fröhlicher Stimmung, nicht weniger hoffnungsvoll und mit offener Seele für all das Neue, das sie hier erwartete. Keine Raubkatzen außer einer kleinen Leopardenart, — keine Giftschlangen, Elefanten und Nashörner! Es blieb also wenig zu fürchten, und bei der Fülle des Affengeschlechtes sowie aller Grasfresser sehr viel zu hoffen; die Reise begann unter den besten Aussichten, doch ging sie langsam von statten, weil der Wald dicht und die ganze Pflanzenwelt wie im äquatorialen Afrika so üppig war, daß sie oft durchhauen werden mußte, um weiteres Vordringen zu ermöglichen.

Die Führer bestanden aus zwei älteren Männern, den Brüdern Torio und Bassar, sowie drei erwachsenen Söhnen derselben, außerdem war ein Dajakischer Dolmetscher angeworben worden, der der englischen Sprache ziemlich mächtig war; sie wählten die nächsten Wege, um aus den die Küste umsäumenden Niederlassungen heraus und in das Gebiet der Dajaks zu kommen, überhaupt zeigten sie sich sehr gefällig und ließen es an keiner Gelegenheit fehlen, ihre Gäste auf diese oder jene besondere Schönheit des Landes aufmerksam zu machen.

Schon am dritten Tage lag der letzte bebaute Acker weit hinter den Reisegenossen, der Urwald schüttelte seine grünen Riesenhäupter, und wilde Geschöpfe huschten hindurch, namentlich Zibetkatzen in ungeheurer Anzahl, Affenarten und sehr viele Vögel mit buntem, prachtvollem Gefieder, Schmetterlinge von nie gesehener Größe und Insekten jeder Form und Farbe.