Endlich erschien an der vorderen Eingangsthür ein Mann, dessen Lendenschurz und Glieder mit Messingplatten, Schildern, Ringen und Glocken derartig behangen waren, daß er bei jedem Schritt wie ein Schlittenpferd klirrte und klingelte; das war der „Liau“ oder Priester des Stammes, und dieser gewaltige Machthaber lud in Abwesenheit des „Panglima“ oder Fürsten die Fremden ein, das sonderbare Wohnungsdorf zu besuchen und als ihr Haus zu betrachten. Nachdem die Malaien namens der Weißen gebührenden Dank gesagt und angemessene Bezahlung versprochen hatten, wurde das Gebäude erstiegen. Der ganzen unübersehbaren Länge nach war es in zwei Hälften geteilt, deren vordere die Unverheirateten, die Gäste und — das Federvieh einnahmen, wogegen die hintere, für Einzelwohnungen bestimmt, den Familien als Aufenthalt diente. Ein rings umschlossener thürloser Raum, der „Lowang“, etwa von der Größe eines mittelmäßigen Zimmers, mußte als Wohn- und Schlafgemach sowie als Küche ausreichen, ob auch noch so viele kleine, völlig nackte Dajaks die braune Mutter umsprangen und außer dem gemeinsamen Blätterlager weiter gar kein Gerät mehr Unterkunft erlangen konnte. Dergleichen gab es überhaupt außerordentlich wenig. Matten, Körbe, Waffen und ein paar Kochtöpfe, das war alles, was die Weißen sahen. Der vordere Raum starrte von Schmutz, den besonders die Hühner und Tauben verbreiteten, er bildete ein schreckliches Durcheinander von Federvieh, Futter, umgestürzten Saufnäpfen und aufgestapelten Waffen, während es ihm an Bewohnern gänzlich mangelte. Der Stamm war ausgezogen, um in weiter Entfernung vom eigenen Wohnsitz einen Raub an Lebensmitteln und womöglich Gold oder Diamanten zu vollführen, Frauen und Kinder lebten daher augenblicklich unter dem Schutze des „Liau“ und der „Bliangs“ oder Priesterinnen, mehrerer jungen Mädchen, die bei den Dajaks etwa das sind, was wir barmherzige Schwestern oder Diakonissen nennen; sie pflegen die Kranken, waschen die Gestorbenen und haben neben dem Liau allein das Recht, den Naturgeistern Gebete vorzutragen; sie allein kennen auch die Schöpfungsgeschichte der Welt, wie sie im Dajaksbewußtsein lebt, und werden um dieser Kenntnis willen verehrt wie Heilige.
Auch ihre Wohnung, offen wie alle, durchspähten die neugierigen Blicke der jungen Leute. Die Bliangs, sechs an der Zahl, trugen Jacken und bis kaum an die Kniee reichende enge Röcke von blauem selbstgewebten Baumwollenstoff mit weißen und roten Streifen, Kopftücher aus rotem Gewebe, reich mit Goldfäden durchwirkt, und halbmondförmige Ohrringe; außerdem Schnüre von großen schwarzen und weißen Perlen und aufgereihten Muscheln, wo immer sich dieselben anbringen ließen. Diese Bliangs nahmen, obwohl sie von den Fremden aufs artigste begrüßt wurden, doch ihrerseits keine Veranlassung, die gebotene Aufmerksamkeit zu erwidern; sie saßen im Kreise auf bunten Matten und rauchten Opium, ohne dabei ein einziges Wort zu sprechen.
Dies Zimmer wurde schnell verlassen. „Ein wahres Glück, daß man hier zu Lande kein Fensterglas kennt,“ meinte Hans. „Hätte nicht zu dem angenehmen Heimwesen der Hühner und der rauchenden jungen Damen die Luft beständig von allen Seiten freien Zutritt, dann möchte es in solchem Dorfe unter Dach und Fach schon sehr bald anfangen, unerträglich zu werden.“
„Mehr von diesen Wohnungen wollen wir nicht besehen,“ erklärte Holm. „Draußen im grünen Walde ist es besser. Aber, lieber Himmel,“ fügte er plötzlich hinzu, — „was haben wir denn da?“
Seine Hand deutete auf einen wahrhaft greulichen Schmuck, welcher über dem Eingang des nächsten Familienzimmers angebracht war und von dort herab den Kommenden entgegengrinste. Wenigstens zwanzig bis dreißig am Hals abgeschnittene Menschenköpfe hingen auf Pflöcken, wie etwa bei zivilisierten Völkern die Jäger ihre erlegten Hirschgeweihe aufzuhängen pflegen; einige waren gänzlich Skelette, andere mochten in irgend einer Weise präpariert sein, so daß sie aussahen wie Mumien; langes und kurzes Haar hing von diesen Schädeln herunter; man erkannte hier einen Krieger, dort eine alte, eisgraue Frau, und selbst junge Mädchen und Kinder fehlten nicht. Durch die Haare aller dieser Opfer flog und flüsterte der Wind, ja bei jedem etwas stärkeren Stoße schaukelten und baumelten die Köpfe, daß es unheimlich klapperte wie von totem Holz.
Bassar legte die Hand auf seinen Arm. „Die Dajaks sind Kopfjäger,“ sagte er in englischer Sprache. „Keiner unter ihnen darf heiraten und einen eigenen Herd besitzen, ehe er nicht wenigstens einen Kopf selbst vom Rumpfe getrennt hat; keiner kann die Würde des Panglima erreichen, der nicht hundert Köpfe über seiner Thür hängen hat. Sehen Sie nur dort die Wohnung des Häuptlings!“
Dem Gemach der Bliangs gegenüber lag die Königshütte des Dorfes. Hier waren alle Matten mit Gold durchflochten, Sklavinnen kauerten in großer Zahl auf dem Fußboden, der ganze Raum war bedeutend breiter, und auf einem Mattenhaufen saß rauchend die Königin; — über der Thür prangten nicht weniger als hundertundfünfzig Köpfe.
Der alte Theologe stand starr. „Dieser Greuel!“ rief er. „Ob da nicht Steine und Wände predigen müßten! Es ist himmelschreiend.“
„So abscheulich dieser Schmuck auch ist,“ sagte Holm, „so wollen wir doch nicht unterlassen, diese Stätten entsetzlichen Heidentums photographisch aufzunehmen, sie werden zu den traurigen Ansichten der Bergwerke ein Seitenstück bilden, das eindringlicher als Worte Zeugnis von dem verwahrlosten Volke der paradiesischen Insel ablegt. Vielleicht erweckt ihr Anblick in dem Herzen glaubensvoller Männer das Verlangen, den armen Heiden die milden Sitten des Christentums aufs neue entgegenzubringen, wenn auch bis jetzt weder Missionare noch Kaufleute einen entscheidenden Einfluß haben ausüben können; man kennt nicht einmal annähernd die Verhältnisse des Innern, wohin auch wir nicht gelangen werden; — es wäre umsonst, diesen Heiden, die nur in den Naturereignissen feindliche Gewalten anerkennen, überhaupt irgend eine Moral predigen zu wollen. Wir haben nun das Dorf gesehen, also laßt uns vor demselben unsere Hängematten aufschlagen.“
Torio und Bassar schüttelten die Köpfe. „Das geht nicht, Herr, die Dajaks würden es als große Beleidigung ansehen. Es ist einmal Sitte, im Vorderraum jedes Dorfhauses die Gäste unterzubringen, — länger als eine Nacht bleiben wir ja ohnedies nicht.“