„Aber wenn wir nun gleich auf der Stelle weiter reisen!“ rief ärgerlich der Doktor.
Die Malaien hielten ihre Weigerungen aufrecht. „Das sei ganz unmöglich,“ beharrten sie.
Holm wechselte mit den Reisegenossen ein heimliches Zeichen. Trauen konnte man den Gelben nie vollständig; sie hier zu reizen oder gegen ihre Absichten irgend etwas durchsetzen zu wollen, schien nicht ratsam. „Schlafen wir also, da es nicht anders sein kann, eine Nacht auf derselben Streu mit Hühnern und Tauben,“ sagte er. „Es gab ja am Ende schon schlimmere Stunden als diese. Vor der Hand thut freilich ein Imbiß am meisten not.“
Bassar lieh gegen Geld und gute Worte von der nächsten Dajaksfrau einiges Kochgeschirr, ein Feuer wurde entzündet und die Reste des Hirschfleisches gebraten, dazu Reis, das einzige tägliche Nahrungsmittel der Malaien. Man ließ die umstehenden, neugierig blickenden Kinder mitessen, verteilte kleine Münzen und brachte schließlich das Gepäck in einen bestimmten Winkel, wo Bassars jüngster Sohn als Wachhabender zurückblieb; dann wurde ein Ausflug in die Umgebung unternommen. Schlechtbestellte Felder in der Nähe des Dorfes trugen allerlei Gemüse, Reis, die Kalampanfrucht, aus der die Eingebornen Öl pressen, sowie in ganzen, kleinen Wäldern die Gomutupalme, welche den Zucker liefert, es weideten Ziegen an allen Abhängen, und zahme und wilde Vögel waren in reicher Anzahl vorhanden.
Nachdem das sämtliche Reisegepäck, Decken und Vorräte zu Hause gelassen worden, war der Spaziergang hinaus in den Wald um so angenehmer. In der balsamischen Luft wiegten sich Schmetterlinge von neun Zoll Flügelweite, Tiere wie sie die Reisenden nie gesehen hatten, kohlschwarz und samtartig glänzend, mit einem breiten, anmutig gebogenen Goldstreifen quer über beide Flügel, mit grünen federartigen Flecken und einem purpurnen Halskragen, sowie mattweißen, schmalen Saum rings um den ganzen Körper. Auch blaue, gelbe und ganz hellrote Arten waren vorhanden, alle riesig groß und in solcher Anzahl, daß sie sich unschwer fangen ließen; Käfer und Fliegen, Mücken, wilde Bienen, Erdwürmer von Fußlänge und mehr als Zolldicke, Spinnen und Hunderte von kleinen verschiedenen Geschöpfen der Insektenwelt belebten den Kelch jeder Blume, die Falten jedes Blattes. Die meisten dieser Tierchen verbreiteten einen feinen Wohlgeruch, der sich bei jeder Berührung verstärkte, — auch eine Erscheinung, welche sonst noch nirgends beobachtet worden war.
Zuweilen brachen die jungen Leute irgend ein großes, tellerförmiges oder wie ein breites Schwert gestaltetes Blatt und besahen aus der Nähe diese azurblauen, weißen oder tiefroten Geschöpfchen, beobachteten die feine Schattierung ihrer Flügeldecken und den hauchartigen Wohlgeruch, bis dann der Käfer plötzlich die bläulichen Schwingen hob und davonhuschte, eine Flut von Duft zurücklassend, in der nächsten Sekunde verschwunden unter Hunderten seiner Gattung, die überall schwirrten und wie glänzende Funken die Luft durchsegelten.
Die Botanisierkapseln und Spiritusbehälter waren schon bis an den Rand gefüllt, ehe noch der Marsch die Dauer einer halben Stunde erreicht hatte; man brauchte hier thatsächlich nur die Hand auszustrecken, um das Gewünschte zu erlangen.
Die Malaien verfolgten seit mehreren Minuten aufmerksam eine Reihe von Spuren, die sich an geknickten Büschen und niedergetretenen Blumen und Gräsern bemerkbar machten; es mußten größere Tiere, mehrere an der Zahl, hier durchgedrungen sein und zwar erst ganz kürzlich, denn die gebrochenen Blumen hatten noch keine Zeit gehabt zu verwelken, das Gras lag abgerissen, aber grün und frisch am Boden. Jetzt schien es auch, als töne aus geringer Entfernung ein wohlbekanntes, nicht eben sehr melodisches Grunzen den Horchenden entgegen, — alle sahen einander an. „Wildschweine?“ fragte Franz.
Torio nickte. „Sie graben Wurzeln,“ versetzte er. „Ganz in der Nähe wird sich das Feld befinden, wo die Herde ihre Lieblingsnahrung entdeckt hat. Schweine sind hier in Unzahl vorhanden, da die eingebornen Dajaks nur Reis und Gemüse essen, dem Überhandnehmen der Tiere also durchaus nicht entgegentreten; — wir müssen ihnen hinter dem Wind beizukommen suchen.“
Einer nach dem andern schlichen die Männer mit den geladenen Kugelbüchsen in den Händen durch das dichte Unterholz, immer dem Schall nach, bis sie, wie die Malaien vorausgesagt hatten, eine etwas weniger bewachsene Stelle antrafen, wo unter den Bäumen dreißig bis vierzig Schweine eifrigst mit ihren Rüsseln das Grün des Bodens aufwühlten und aus der fettigen, mergelhaltigen Erde apfelgroße Früchte herausholten, welche dort zu sechs bis zehn gleichsam in Nestern bei einander wuchsen. Ganz schwarz und einen knoblauchartigen Geruch verbreitend, gehörten jedenfalls diese Wurzeln zu den bekannten Trüffeln; Holm beschloß sie noch näher zu untersuchen, in diesem Augenblick richtete sich jedoch seine Aufmerksamkeit ausschließlich auf die Schweine, welche bei ihren schwarzen Borsten und dem plumpen Kopf einen ganz weißen Bart trugen. Sie schienen durch Jagd nie belästigt zu werden, waren keineswegs scheu und ließen die Männer nahe an ihren Weideplatz herankommen. Alte, große Keiler rissen mit den Stoßzähnen die Erde auf, daß Gras und Ranken hoch umherflogen, Bachen mit zwölf bis vierzehn Ferkeln lagen, gemütlich grunzend, im Schatten und ließen ihre Kleinen trinken; auch einige schwarze Tapire mit den spitzen Schnauzen nahmen an der Mahlzeit teil, bis ein Schuß aus Torios Kugelbüchse plötzlich dem Familienleben unter den Bäumen ein Ende machte. Die Herde drängte und schrie in eiliger Flucht durch einander, mehrere Schüsse aus den Gewehren der Weißen streckten ihre Opfer nieder, und als endlich der Kampfplatz leer war, hatten fünf Ferkel und ein junger Eber das Dasein eingebüßt; die Tapire dagegen waren zum Ärger der Schützen glücklich davongekommen.