Da es hier wenig Raubtiere gab, ließen die Führer das erlegte Wild bis zu ihrer Rückkunft liegen, und weiter ging die Wanderung in den Wald hinein. Hier gelang es, mit der Vogelflinte einen schönen, männlichen Paradiesvogel vom Baum zu holen, ebenso eine Zibetkatze, die Holm auszustopfen gedachte, und mehrere schöngezeichnete Amseln mit dunkelroter Brust. Ein Leopard sprang einmal hart vor den Füßen der Reisenden vom Baum herab, aber erlegt wurde er nicht, obwohl ihm auf das gute Glück hin mehrere Kugeln nachgesandt wurden; ganze Rudel der großen, schlanken Pferdehirsche, von einem auf einer Anhöhe stehenden alten Bock bewacht, grasten an den Ufern breiter zu Thal fallender Flüsse, erhielten aber bei der ersten Annäherung der Weißen von dem Führer einen Warnungsruf und verschwanden mit ihm, ehe noch ans Schießen gedacht werden konnte. Scheu wie ihr ganzes Geschlecht, flohen sie die Nähe des Menschen, obgleich auch auf ihr Leben hier wenig Jagd gemacht wurde. Nur bei besonders festlichen Gelegenheiten essen die Dajaks Fleisch, sie sind an den Reis als einzige Nahrung gewöhnt und geben sich nicht die Mühe Wild zu erjagen und zuzubereiten.

Es dämmerte bereits, als die erlegten Schweine aufgeladen wurden und nun die Gefangenschaft im Hühnerloch, wie Franz erbost bemerkte, ihren Anfang nehmen mußte. Vorerst freilich loderte ein mächtiges Feuer empor, zwei Ferkel steckten am Spieß, und fette Bissen wanderten in die Händchen der naschhaften braunen Kinder; dann erkletterten unsere Freunde die Leiter, welche hinter ihnen von den wenigen im Dorfe zurückgebliebenen Männern heraufgezogen wurde, und das Lager aus Matten und Palmblättern empfing sein Opfer.

Rechts in der nächsten Nähe sangen die sechs Bliangs in eintönigen Weisen, Hirn und Nerven ermüdend, die Totenklage für eine an demselben Tage gestorbene junge Frau; überall ertönte das herzhafte Geschrei kleiner Kinder und die Beschwichtigungsmittel der Mütter, das Gurren mehrerer hundert Tauben und die rastlosen Kampfrufe der Hähne, deren Gemahlinnen glücklicherweise die Gewohnheit ihres Geschlechtes, mit dem Untergang der Sonne zu verstummen, auch hier auf Borneo festhielten. Draußen schrieen die Papageien, jagten sich in den Bäumen die Affen und quakten die Frösche — es war eine Nacht, die selbst den geduldigsten Sterblichen aus der Fassung bringen konnte.

Heimlich machte sich aus den Falten und Tiefen des Blätterlagers eine feindliche Armee auf die Beine und marschierte im Geschwindschritt gegen den Feind. Wohin der Finger traf, da begegnete ihm jener kleinste, springende Vertreter des rüsseltragenden Geschlechtes, wohin sich das Haupt zur Ruhe bettete, da scheuchte es ein plötzlicher, scharfer Stich wieder auf, wohin die Gedanken eilten, da schreckte das Durcheinander von Tönen wieder in die unliebsame Gegenwart zurück; besonders ein großer, bunter Hahn von streitlustigem Aussehen, einen Fuß trotzig erhoben, den Kopf lauernd seitwärts geneigt und das Auge vor Bosheit funkelnd, erregte am meisten den Ärger der jungen Leute.

Rührte einer von ihnen Hand oder Fuß, dann hielt sich der Kammträger verpflichtet, mittels eines schallenden, langgedehnten Kikeriki diesen Hausfriedensbruch zu rächen, und sofort stimmten sämtliche Genossen in den Schlachtruf ein, wobei noch als besonderer Übelstand hinzukam, daß jedesmal ein anderer benachbarter Hahn diese Herausforderung als an sich gerichtet aufnahm und durch Heranfliegen das Duell eröffnete. Dieser alte Bursche, zerzaust und seiner Federn in mancher heißen Schlacht beraubt, mußte sich stark erkältet haben, denn er brachte es bei den Antworten, welche er gab, nur bis zu einem heiseren „Kück!“ — Dann schien seine Stimme zu versagen, und die Handlung trat an Stelle aller Neckereien. Gerade über den Köpfen der Gesellschaft sprangen die beiden Hähne gegen einander auf, zogen sich an den Schnäbeln gegenseitig so gewaltsam, daß nicht selten der Alte jählings auf das Blätterlager herabfiel, und schlugen sich mit den Flügeln, bis die unten Liegenden verzweiflungsvoll aufsprangen, um Staub und Federteilchen aus den Augen zu reiben.

„Soll ich ihn umbringen?“ fragte Franz, auf den hübschen, streitlustigen Hahn deutend, „der verrückte Kerl hält uns die ganze Nacht in Atem.“

Die Hand des Doktors hielt ihn zurück. „Franz, vergißt du, daß hart neben uns unter demselben Dache eine Leiche liegt?“ fragte er halblaut.

„Das ist wahr! — Still, du Schreihals.“

Ein Schlag mit dem Taschentuche verscheuchte den älteren Hahn in geziemende Entfernung, während der bunte lauernd auf dem Posten blieb und vor den Brutkörben seiner Damen Wache hielt; der Vogelkampf ruhte einen Augenblick, aber die Quälereien der Insekten dauerten fort, und der Gesang vom Totenzimmer her zerriß die Gehörorgane.

„Dewata-dugingang! — Dewata-dugingang!“ — Fast ohne Abwechselung, sich immer wiederholend, sangen die sechs Mädchen mit gedämpfter Stimme diese Silben, die in ihrer steten Folge ebensowohl ermüdend als aufregend wirkten, bis endlich Holm vorschlug, diese Stelle des langgestreckten Lagers zu verlassen und einige hundert Schritte weiter Erholung zu suchen. Sowohl der entsetzliche Totengesang als auch die Trompetenklänge des Hahnes mußten dort weniger empfindlich einwirken, man konnte vielleicht doch schlafen oder wenigstens die Augen schließen und ruhig daliegen. Der junge Gelehrte verband damit heimlich noch einen besonderen Zweck. Ihm war das Benehmen Bassars schon längst auffallend gewesen, er glaubte zu wissen, gleichsam zu fühlen, daß unausgesprochene Absichten den Alten zu dieser Expedition veranlaßt hatten, daß er irgend etwas im Schilde führte. Ihn zu beobachten schien daher höchst notwendig.