Und wirklich, als an dieser geschützteren Stelle einiger Schlaf auf die müden Augen sich herabsenkte, als alles ruhte, da sollte sich der gehegte Verdacht bestätigen. Bassar richtete vorsichtig den Oberkörper vom Lager auf, er sah umher, und nachdem ihn dieser Rundblick überzeugte, daß die Weißen schliefen, da wechselte er mit seinem Bruder ein kaum wahrnehmbares Zeichen und glitt auf leisen Sohlen hinüber in die jenseits des breiten Vorderraumes liegenden Familienwohnungen.

Was konnte er dort wollen? — Es waren nur Frauen anwesend.

Holm verbrachte mit geschlossenen Augen, regungslos horchend, eine qualvolle Viertelstunde. Die brennende Wachskerze qualmte und tropfte, allerlei fernes und näheres Geräusch traf das Ohr des jungen Mannes, der endlich, getrieben von folternder Ungeduld, den Kopf zur Seite drehte, um nur die Augen öffnen und in das hohle, dunkle Innere des Raumes hinaussehen zu können. Torio und die Söhne Bassars lagen ruhig, letztere schliefen sogar ganz fest; drüben im Frauengemache hinter den Matten tönten flüsternde Stimmen, leise Schritte wurden auf dem knarrenden, schwankenden Boden bemerkbar, — immer noch kam der Malaie nicht zurück.

In einem Augenblick drängte es den jungen Mann, die Genossen zu wecken und so schnell als möglich zu den Waffen zu greifen, schon schwebte auf seinen Lippen der Ruf „Verrat! Verrat!“ — dann aber fiel ihm wieder ein, daß ja doch noch nichts erwiesen sei, und daß vielleicht erst die ausgesprochene Beleidigung Feindschaft erregen konnte, — er wartete noch, obgleich ihm das Herz gegen die Rippen pochte, als habe er selbst ein Verbrechen begangen.

Endlich erschien der Malaie. Sein verschmitztes Gesicht trug den Ausdruck größter Zufriedenheit, er legte sich neben seinen Bruder auf die Streu und sprach lange und eifrig mit ihm; offenbar hatte er von den Frauen der Dajaks eine Nachricht erhalten, die ihn sehr befriedigte und die also mit den Weißen in keinem Zusammenhang stehen konnte. Holm atmete auf, aber er selbst schlief doch nicht eher, bis Bassars Atemzüge bewiesen, daß er wenigstens für den Augenblick durchaus keine verbrecherischen Absichten hegen könne. Irgend etwas ging vor, irgend etwas wurde heimlich geplant, davon war Holm überzeugt; er wollte also die Gelben unausgesetzt beobachten, namentlich dann, wenn irgend ein anderer Dajaksstamm erreicht war.

Den Rest der Nacht schliefen alle; die Malaien hatten schon das Frühstück fertig, als die Weißen herauskamen und die Nachwehen der schlechtverbrachten Ruhestunden in dem Anblick der dampfenden Kaffeekanne vergaßen. Diesmal hatte man die edlen braunen Bohnen vom Schiff in die Wildnis mitgenommen, Zucker und Milch gaben die Frauen, und so gelang es bestens, den kräftigenden Trank herzustellen. Eben wollte Franz die Lippen öffnen, um vom Aufbruch zu sprechen, als ein sonderbarer Zug seine Blicke fesselte. Voran gingen, in ihren klingendsten Putz gehüllt, der Liau und drei Bliangs, dann folgten vier Männer, die auf Bambusstäben eine Leiche trugen, ohne Zweifel die der jungen Frau, der die schauerliche Totenklage dieser Nacht gegolten; den Beschluß machten drei weitere Bliangs.

Wieder murmelte es von allen Lippen „Dewata-dugingang! Dewata-dugingang.“

„Ob das eine Beerdigung wird?“ raunte Hans. — „Wie unzart, nicht einmal das Gesicht der Leiche zu verhüllen.“

„Wir wollen mitgehen,“ ermunterte Franz. „Laßt uns doch die Sache mit ansehen!“

Holm fragte die Malaien, ob das erlaubt sei, und diese antworteten äußerst bezeichnend: „Wir nehmen unsere Waffen mit! Es sind ja keine Männer da.“