Und so folgte man aus anständiger Entfernung dem Leichenzuge, aber nicht etwa auf ein freies Feld hinaus, sondern mitten in den dichtesten Wald. Da wurde unter einigen breitästigen Bäumen Halt gemacht, die Leiche mit der Bahre zu Boden gesetzt, und nun begann eine seltsame, ganz stumme Szene. Die Männer — lauter Sklaven — zogen sich auf einen Wink des Liau etwas zurück, die Leiche erhielt ihren Platz inmitten eines geschlossenen Kreises, der mit einem Stock auf dem Moos bezeichnet war; dann vollführten die Bliangs und der Liau einen Tanz, bei dem jedes für sich den Körper wie Kautschuk verdrehte, sich hintenüber und vornüber beugte, die Haare zerzauste und die Arme in die Luft warf. Die Putzgegenstände rasselten und klapperten; immer toller, immer rasender wurde der Tanz, bis eine nach der anderen, die Bliangs und der Liau, atemlos wie vom Schlag gerührt zu Boden sanken. Damit war die Vorfeier beendet. Jetzt kamen die Sklaven, beluden sich mit Bahre und Leiche und fingen an, den nächststehenden Baum zu erklettern. Es war ein schauerlicher Anblick, so vom Rücken der braunen Gesellen das Totenantlitz dann und wann zwischen den Bäumen erscheinen zu sehen! Rings Blüten und Früchte an einem Zweig, flatternde Schmetterlinge und purpurrote Singvögel, rings Schönheit und reiches, üppiges Leben, — dazwischen, wie eine Mahnung an die Vergänglichkeit alles Irdischen, das fahlbleiche Gesicht mit dem gramvollen Zug um die Lippen, — die herabhängenden kleinen Hände.
„Gott im Himmel,“ fragte Hans, „was wollen denn die Leute mit der Toten da oben im Baumwipfel?“
Die Malaien wußten es wohl, und bald sahen es auch die Weißen. Auf der höchsten Höhe, über den letzten Zweigen wurde die Bahre befestigt und so die Leiche den Raubvögeln zum Zerfleischen preisgegeben. Nachdem die Hanfseile gehörige Sicherheit verhießen, stiegen die Sklaven wieder zur Erde, wo sich bei ihrem Anblick Liau und Bliangs wunderbar schnell von der früheren Ohnmacht erholten und in das Dorf zurückkehrten. Schon jetzt verriet ein Krächzen über den Wipfeln, daß die geflügelten Räuber ihre Beute in Empfang genommen hatten.
„Das Skelett wird späterhin beerdigt,“ erläuterte Bassar, „aber nicht eher, bis alles Fleisch verzehrt ist, so will es die Sitte. Andere Stämme verbrennen ihre Toten, ebenso gibt es einige, die sie durch Räuchern mit bestimmten, nur dem Liau bekannten Kräutern zu Mumien dörren und verwahren. Diese Art der Bestattung ist die häufigste.“
Der Doktor schüttelte den Kopf, als ihn Holm am Arm fortzog. „Ist es denn nicht empörend, da oben die Tote unter den Fängen der Geier zu wissen?“ fragte er.
„Sie fühlt’s ja nicht!“ begütigte der junge Gelehrte. „Und dann — mir hat der Gedanke an das Grab mehr Schrecken als der eines so schnellen Zerfallens in tropischer Luft. Kommen Sie, — ob hoch oben im freien Blau oder tief unter dem Boden, — zu Erde wird, was von ihr stammt, nach Gottes Gesetz überall. Wenn mich etwas empört hat, so war es der tolle Tanz um die Leiche herum. Heda, Bassar, sagen Sie uns doch, ob nun im Dorfe noch eine Fortsetzung der Feier stattfindet?“
Der Malaie nickte. Er selbst war, wie alle ansässigen Glieder seines Volkes, Mohammedaner und hielt sich daher über das Heidentum der Dajaks hoch erhaben. „Diesen Leichenschmaus sollten Sie aber lieber nicht mit ansehen,“ riet er, „das ist ein greuliches Gelage, bei dem die Bliangs und der Liau so viel Opium rauchen und Tuach-Katan (Arrak) trinken, bis sie in Raserei verfallen und dem leichtgläubigen Volke vorspiegeln, daß die Götter, nur ihnen sichtbar, mit am Tische säßen. Sie schreien, bekommen Krämpfe und Verzückungen, kurz es wird ein arger Skandal.“
„Den wir nicht mit ansehen wollen!“ erklärte Holm. „Besser in den grünen Wald hinaus, als zu solch einem Gaukelspiel, von dessen Lügeninhalt seine Vertreter ganz genaue Kenntnis haben. Lassen Sie uns nur schnell noch etwas Geld verteilen und unsere Sachen aufpacken, dann geht’s fort. Sie kennen ja die Richtung, welche wir einschlagen müssen?“
Bassar nickte. „Zunächst ist es doch den Herren daran gelegen, einen wandernden Stamm in seiner Häßlichkeit zu sehen, nicht wahr? Nun, für diesen Zweck müssen wir am Flusse hinunter in das Thal zwischen jenen Gebirgszügen gehen. Da weiden die Mankeian.“
Wieder sah Holm in den falschen Zügen jenes Aufblitzen, das Lauern und den glühenden Haß, der so oft darin auftauchte. Ob Bassar bei den Angehörigen der Mankeian irgend einen Feind hatte, den er herausfordern wollte?