Sie verstanden einander offenbar alle fünf, die Männer mit den niederen, umbuschten Stirnen und dem verschmitzten Aussehen; Holm hätte nicht eingewilligt, gerade die Mankeian zu besuchen, wenn nur das Verbot durchführbar gewesen wäre; aber wie sollte er in der unbekannten Wildnis irgend einen Pfad bezeichnen, wie einen Stamm von dem anderen unterscheiden? — Zu aller Sicherheit nahm er den Malaien beiseite. „Gestehen Sie mir’s, Bassar, bei den Mankeian haben Sie irgend einen alten Streit auszufechten, irgend einen Handel, den Sie uns verschweigen! — es lebt unter diesem Stamm ein Mann, dessen erbitterter Feind Sie sind?“

Bassar hob die Hand zum Himmel. „Bei Allah und seinem Propheten,“ sagte er in feierlichem Tone, „die Mankeian sind meine Freunde. Der Stamm kommt zuweilen an die Küste und tauscht Edelsteine oder Gold gegen Kleider und Schmucksachen, ich kenne den König sowie viele Männer aus dem wandernden Volke, — ein Feind ist nicht darunter.“

Das wurde mit jenem überzeugenden Tone vollkommenster Wahrheit gesagt, das schien eine bestimmte, unwiderlegliche Thatsache; Holm konnte also nur einwilligen, den Zug anzutreten, im stillen aber dachte er einmal über das andere „du lügst doch! unausgesprochen, verdreht und umschrieben vielleicht, — Lüge ist’s doch!“

Dies Bewußtsein trug nicht dazu bei, die Stimmung, in welcher er sich befand, zu verbessern; erst als das Dorf weit hinter der kleinen Schar zurückgeblieben war und dadurch die letzten, noch halb und halb schwebenden Fragen erledigt, da that wie immer im Leben die vollendete Thatsache das Ihrige, um ihn ruhiger werden zu lassen. Nur langsam drang der Zug vor in die grüne Wildnis, einesteils der gehäuften Hindernisse und anderseits der brennenden Hitze wegen; alle Weißen hatten auf den Rat der Führer im Nacken ein herabhängendes Stück Leinen nach Art unserer Kohlenträger befestigt, die Strohhüte mit breiten Rändern beschatteten das Gesicht, und hoch heraufgehende Stiefel erlaubten den Weg über das dichte Rankengeflecht mit seinen zahllosen kriechenden, stechenden und zum Teil giftigen Bewohnern. So üppig wie hier war ihnen der Pflanzenwuchs nirgends entgegengetreten, dafür aber auch das Durchdringen desselben nirgends so schwer gewesen; Affen, in ungeheurer Anzahl und zu ganzen Gesellschaften vereinigt, bevölkerten die Bäume, Paradiesvögel hüpften, auf Java so selten, hier von Zweig zu Zweig, große Orang-Utangs, mit Baumästen bewaffnet, versuchten es, den Eindringlingen ihre entlegene waldige Heimat streitig zu machen und konnten nur durch ein paar Büchsenschüsse zur Umkehr bewogen werden.

„Haben die Mankeian nur einen Weideplatz?“ fragte wie zufällig Holm.

„Mehr als hundert,“ versetzte unbefangen der Malaie, „wir können daher ganz sicher sein, wenigstens einen anzutreffen. Morgen oder übermorgen sind wir da.“

„Wenigstens hundert!“ wiederholte sich Holm, „und alle diese Leute wandern. Sollte der Schurke in Erfahrung gebracht haben, wo gerade die Familie lebt, bei der er Rache sucht? Unmöglich!“

Und von diesem Gedanken beinahe beruhigt, half er am Abend das schwebende Lager herrichten und die Mahlzeit bestellen wie gewöhnlich. Eine der zahllosen, das gesegnete Land durchziehenden Wasseradern plätscherte über Kiesel und Sand dahin, schöne Schwimmvögel bauten an den Ufern ihre Nester, Fische glitten durch das klare, blaue Element, und große Schildkröten lagen träge im letzten Sonnenschein. Es war den Malaien gelungen, einen Hirsch zu schießen, Früchte hingen von allen Zweigen, Gemüse verschiedenster Art wuchs genug, um ganze Bataillone zu sättigen, prachtvolle Ananas wuchsen in den feuchten Niederungen; es häuften sich also die seltensten und teuersten Delikatessen, um diese Abendmahlzeit zu würzen, selbst frische Eier fehlten nicht; nur das Tafelgerät war äußerst unzureichend und sparsam, Blechteller, Blechlöffel, ein paar Gabeln und Pfannen nebst dem Messer, welches jedermann in der Tasche trug, das war alles. Im heißen Aschenhaufen mußten die Eier kochen, die Schildkrötensuppe blieb ungeschäumt, das Rückenstück vom Hirsch ließ die Kartoffeln schmerzlich vermissen, und das Gemüse hätte mit Butter noch weit besser als mit Hirschfett geschmeckt; aber dennoch mundete es allen vortrefflich, und auf die fatale Nacht im Dajakshause folgte hier unter freiem Himmel, an schwankenden Zweigen, ein herrlicher, durch nichts gestörter Schlummer, der bis zum Morgen währte.

Dann aber kamen Prüfungsstunden. Es mußte ein tiefes Thal durchwandert werden, eines jener sonderbaren, auf Borneo vielfach vorkommenden Gebiete, welche während der Regenzeit unter Wasser stehen und kleineren oder größeren Meerbusen gleichen, späterhin jedoch austrocknen und einen sehr fruchtbaren Boden abgeben. Gerade jetzt war die entstandene Schlammschicht vielleicht noch einige Zoll tief; braun und unbeweglich, Blasen treibend, von glühender Sonnenhitze überhaucht, lag die weite Fläche wie ein deutsches Moor, einsam, nur von wenigen Raubvögeln besucht und zuweilen von aufsteigenden Gasen unangenehm durchzogen, dem Auge endlos und öde erscheinend da; dennoch aber mußte man hinüber, — hinter den Bergen, die dort vom blauen Duft verhüllt ihre Häupter erhoben, wohnten ja die Mankeian, und diese zu erreichen war das nächste Ziel. Bassar prüfte, als Anführer des Zuges, zuerst den unsicheren Boden. Die Schlammschicht schien nicht mehr gefährlich, man konnte sie ohne Bedenken betreten. Es wurden also große Wanderstäbe geschnitten, alles Gepäck auf den Rücken geschnallt, die Hüte so tief als möglich herabgezogen und dann in Gottes Namen der wenig verlockende Marsch begonnen. Überall traf der Fuß den toten, ausgedörrten Körper solcher Tiere, welche während des täglichen Regenfalles hier in hoher Flut lustig geplätschert und sich wohlbefunden, aber später, als das Wasser plötzlich ablief, den Rückweg zum eigentlichen Strome nicht mehr gefunden hatten. Kleine Schildkröten, Krebse, Muscheln, Schnecken, sogar ein halbwüchsiges Krokodil und zahllose Wasserkäfer, deren einige noch bemüht waren, im zähen Schlamm mühsam kletternd das Leben zu fristen, und die als willkommene Beute den Botanisierkapseln der Forscher anheimfielen. Binnen wenigen Wochen würde üppiges Grün den Boden bedecken, sagten die Führer; für jetzt aber sproßte noch kein Halm, kündigte kein kleinstes Keimchen das verborgene, der Auferstehung harrende Leben. Es war schwer, mit dem Fuß in der weichen Masse einen festen Halt zu gewinnen, es war schwer, ihn wieder herauszuheben, die langen Stöcke mußten einmal über das andere helfen; von allen Stirnen rann der Schweiß, aller Glieder waren todmüde, ehe noch die Hälfte des Weges durchmessen worden, und dennoch gab es kein Plätzchen zum Ausruhen, dennoch konnten nur stehend die mitgebrachten Erfrischungen eingenommen werden, indes die Sonne auf die Köpfe ihre glühenden Strahlen senkrecht herabsandte und unter den Füßen im Schlamm allerlei böse Miasmen erzeugte. Zuweilen tönte der heisere Schrei eines Raubvogels, sonst unterbrach kein Laut die tiefe, beinahe grauenvolle Stille; es war, als sei dies Thal der Vorhof zur Unterwelt.

„Noch zwei Stunden,“ tröstete Bassar, „dann ist’s hinter uns gebracht.“