Die Wanderung durch das Schlammfeld.
„Und wieder pilgerten die Wüstenfahrer den voranschreitenden Gelben nach.“
Und wieder pilgerten die Wüstenfahrer den voranschreitenden Gelben nach, einer den anderen ermutigend, so gut es gehen wollte, heimlich jeder fürchtend, daß diese Aufgabe doch alle Kräfte übersteigen werde. Der einzige Trost blieb jenes blaue Gebirge, das allmählich anfing, in deutlichere Formen überzugehen. Man sah Wald und kahle, vulkanische Kegel, das Grün der Bäume trat hervor, stille, liebliche Thäler, jähe Felsstürze und Wasserfälle öffneten sich dem Blick; eine Herde schöngezeichneter Büffel graste an den Abhängen, die Vogelwelt, die alles bezaubernde, farbenprächtige, war zum Leben erweckt und endlich auch das braune, grauenhafte Schlammfeld überschritten, — der Fuß betrat wieder üppiges Gras, balsamische Luft umfächelte die Stirn und Blumen über Blumen spendeten ihren süßen Wohlgeruch.
Sie warfen sich in das wallende grüne Blätterlager, wo es sich jedem zunächst bot, sie wollten nur ruhen, ruhen um jeden Preis. Aller Hunger war vergangen, die Mahlzeit der Malaien blieb unberührt, ein mehrstündiger Schlaf erst stellte das Gleichgewicht zwischen Verbrauch und Kräften wieder her. Und danach ein Bad! ein Bad unter dem sprudelnden, silberhellen Fall! — Sie bemerkten nicht, daß selbst das Wasser lauwarm geworden war auf seinem Wege durch die äquatoriale Sonnenglut; sie fühlten nur, wie es über ihre steifgerüttelten, schmerzenden Glieder lebenspendend herabträufelte und den letzten Rest von Mattigkeit glücklich entfernte, — jetzt konnten auch das kalte Fleisch und die Früchte zur Anerkennung gelangen; mit wahrem Wolfshunger fielen alle darüber her.
Hinter ihnen lag unübersehbar das Schlammfeld, ganz in der Nähe zeichneten sich noch am Rande desselben die Fußspuren der Wanderer deutlich ab, — nicht für Schätze hätte ein einziger unter ihnen, die Malaien ausgenommen, nochmals das tote, verödete Reich durchwaten mögen; der Doktor gestand sogar, daß er mehr als einmal im Begriff gewesen sei, sich fallen zu lassen und das Ende zu erwarten; selbst die Knaben schauderten, nur der Malagasche fand die Sache nicht so schlimm. „Wenn jenseits des Thales meine Heimat läge,“ sagte er leise, „dann ginge ich hin und wieder her in einem Atem, um sie zu sehen, wär’s auch auf Augenblicke!“
Franz nickte. „Ich auch!“ rief er. „Sähe ich von hier den Michaelisturm von Hamburg, ich könnte die Arme ausbreiten und laufen — laufen — bis ich ihn erreicht hätte.“
Der Doktor schüttelte den Kopf. „Ich thue nicht mit!“ lächelte er. „Die Sechzig machen sich heute nach der beschwerlichen Wanderung doch fühlbar. Wollen wir hier rasten, Kinder?“
Alle waren einverstanden, und die Hängematten wurden aufgeschlagen. Am frühen Morgen begann der Weg über das Gebirge, dazu mußten die Reisenden ihre Kräfte schonen.
War das Wandern im Schlamm eine mühevolle Arbeit gewesen, so konnte auch das Ersteigen des Gebirges eine solche genannt werden, nur daß es hier Ruhepunkte in Hülle und Fülle gab, und daß überhaupt die Schönheit des Weges seine Beschwerden nicht wenig milderte. Dajaksdörfer fanden sich auf diesem Höhenzuge nicht; wohl aber brachten die Reisegefährten einen ganz unerwarteten kleinen Gast, einen Orang-Utang von vielleicht drei oder vier Monaten, mit hinunter in das Thal zu den Mankeian. Bassars Kugel traf die Mutter, als sie von einem Baume herab in Ermangelung anderer Waffen mit Nüssen warf, und das Kleine stürzte aus ihren Armen köpflings ins Gras. Die dichte Blätterschicht ließ es unversehrt ankommen, und nun trugen die Männer abwechselnd das kleine Geschöpfchen, um ihm womöglich unter den Haustieren der Dajaks eine Pflegemutter zu finden. Holm wollte es aufziehen und mit nach Europa bringen.