Der Dajak neigte den Kopf. „Ja!“ gab er einfach zurück. „Der Ermordete schläft nicht, bis der Mörder bestraft wurde, und wäre es erst nach vielen Ernten (der einzige Begriff der Zeitrechnung bei den Wilden auf Borneo!), ja wäre es erst in seinen Ur-Urenkeln. Bassar nimmt meinen Kopf, oder ich nehme den seinen! — komm heraus, Sohn Hawalles!“

Der alte Theologe hob die Hand zum Himmel, von dem Mond und Sterne so friedlich herabsahen auf die Greuel des Hasses, welche sich da unten vollzogen. „Verblendete,“ rief er in eindringlichem Tone, „laßt ab von euren abscheulichen Plänen, euren wahnwitzigen Folgerungen! Die Toten bedürfen keiner Erdenhilfe mehr, die Blutrache ist vor Gott eine Todsünde!“

Auch das übersetzte der Dolmetscher, aber ohne damit Eindruck zu machen. „Komm!“ wiederholte Solani, und als Bassar keine Folge gab, entstand ein Handgemenge, bei dem sich zwar die Weißen zu gunsten ihrer Führer beteiligten, woraus aber die Dajaks nach kurzem Ringen als Sieger hervorgingen. Immer mehr Kopfjäger drängten nach, die Weißen wurden abgeschnitten zwischen ihnen und den Dajaks bildete sich eine dichte Mauer, die Malaien befanden sich draußen und in der Gewalt ihrer Gegner, ehe noch wenige Minuten vergingen.

Vor der Hütte hatten sich Hunderte versammelt, teils Punan, teils Mankeian, sie wußten offenbar alle, um was es sich hier handelte, keiner von ihnen streckte die Hand aus, um das beabsichtigte Verbrechen zu hindern.

Als sich die Weißen in der verlassenen Hütte allein sahen — nur der Dolmetscher war geblieben! — da erfüllte ein einziger Gedanke die Seele aller. Zum Panglima! er mußte Hilfe schaffen.

Die königliche Behausung war bald erreicht und der alte Nigura aus dem Schlaf erweckt. Ein paar Kienspäne sandten ihre flackernden Lichter, ihre dichten, blauen Rauchwolken zum Himmel empor; im Gras zirpten und huschten glänzende Insekten die Blüten dufteten stärker, der Mond spiegelte sein lächelndes Antlitz im Flusse, und über den Himmel eilten im schnellen Fluge schimmernde Sternschnuppen.

So tiefer, tiefer Schöpfungsfriede, so stille, träumende Mondnacht, — und in nächster Nähe mordete der Mensch den Menschen, wurden einem furchtbaren Irrwahn blutige Opfer gebracht, starben in diesem Augenblick fünf Männer wehrlos unter den Fäusten eines ganzen erbitterten Stammes.

Der Doktor eilte allen voraus dem alten König der Mankeian entgegen. „Panglima,“ rief er, „hilf uns, hilf uns, man mordet die Malaien, denen du Schutz zusagtest.“

Der Greis schüttelte den Kopf, auch er wußte offenbar alles. „Das thun nicht die Mankeian, Fremder,“ versetzte er, „sondern die Punan, und diese sind im Recht. Bassar wollte hieher kommen, um eine uralte Fehde, einen Kampf der ersten Besitzer mit den ersten Eindringlingen, für sich auszubeuten, indem er, gestützt auf die Gastfreundschaft der Mankeian und euern Beistand, ein paar junge Leute in die Sklaverei entführte; es traf sich aber, daß bei den Punan ein anderer Stamm weilte, und daß unter diesen ein Mann lebte, dessen ganze Familie jener Malaie aus Habsucht ins Verderben stürzte, — das ahnte der Schuldige nicht, er würde sich sonst gehütet haben, die Rache herauszufordern! Im Augenblick, als Bassar aus den Hütten der Punan seine Opfer stehlen wollte, sandte Dewata-Dugingang den Sohn Alteis, — ich kann nichts thun, um ihn an seinem gerechten Vorhaben zu verhindern. Nur für eure Sicherheit werde ich sorgen.“

Der Doktor hatte mehrfach versucht, den alten Häuptling zu unterbrechen. Jetzt, als er schwieg, ergriff er dessen Hand. „Ich bin ein Liau, Panglima,“ sagte er, mit innerem Widerstreben seinen heiligen Stand in der Weise dieser Barbaren bezeichnend, „ich bin ein Liau, und als solcher frage ich dich, ob du glauben kannst, daß Dewata-Dugingang den einen seiner Söhne erschaffen habe, damit er den andern morde? Ist das vernünftig, ist das gut und erlaubt?“