„Nicht immer, Fremder, und nicht wenn der eine des anderen Genosse, oder wenn er ihm ganz unbekannt ist, wohl aber, sobald sich der Dajak und der Malaie gegenüberstehen. Es ist den Göttern wohlgefällig, daß wir den gelben, falschen Stamm ausrotten, das Gleiche lehren auch die Liaus deines Volkes, Fremder! Nigura ist ein großer König, er hat viele Küstenländer besucht und mit den weißen Seefahrern Handel getrieben; er hat gehört, daß auch in ihren Hütten Feindschaft entbrennt, so oft ein Stamm den anderen überfällt.“
„Aber das ist etwas durchaus anderes, Panglima! Die —“
„Still!“ winkte der Alte. „Du weißt nicht, Fremder, welches Elend die Malaien über unser friedliches Volk gebracht haben, du weißt nicht, was es heißt, ganze Stämme, die bisher glücklich und zufrieden lebten, in Sklaverei geraten zu sehen. Der Malaie kam und zerstörte unsere Häuser, nahm unsere Felder und Herden, nahm unsere jungen Kinder und trieb hinein in den Wald, wo nichts wächst, was den Menschen ernährt, alle die seinen Peitschenhieben entflohen, die nicht in seinen Kohlengruben lebendig verscharrt werden wollten, — Fluch den Malaien!“
Der alte Geistliche seufzte mutlos. „Das ist das Volk, welches bislang alle Missionare ermordete und allem Eindringen des Christentums einen Damm entgegensetzte,“ sagte er leise in deutscher Sprache. „Ich halte weitere Bitte für verschwendet.“
„Panglima,“ wandte er sich dann nochmals an den greisen Häuptling, „willst du für Geld unsere Führer in Schutz nehmen? Ich biete dir große Summen.“
In den eingesunkenen Augen des Fürsten blitzte plötzlich ein heißer Strahl. „Mehr als alles Geld der Erde ist es wert, den Kopf eines Malaien abgeschnitten zu haben,“ versetzte er mit düsterem Ernst. Dann aber, die Hand erhebend, fügte er hinzu: „Hört ihr?“
Die Weißen horchten und vernahmen voll inneren Grauens einen Ton, der wie Drohung, wie wildes Flehen klang, und der endlich in schauerliches Röcheln überging. —
„Kommt!“ mahnte Holm, „kommt, wir haben das Unsrige gethan. Es ist vergebens, bei so eingefleischtem Hasse Erbarmen zu suchen.“
Die kleine Schar verabschiedete sich stumm grüßend von dem alten weißhaarigen Heidenkönig, der inmitten seiner Getreuen, durchaus nicht ohne persönliche, angeborene Herrscherwürde, die Gäste entließ, indem er mehreren Unterhäuptlingen leise Befehle gab. Die Malaien waren tot, daran ließ sich nicht zweifeln; unsere Freunde befanden sich also vollständig in der Gewalt der Eingebornen, sie konnten nicht zuviel auf die versprochene Sicherheit bauen. Das Gepäck wurde aufgeschnallt, die Dolmetscher abgelohnt und in Begleitung von vier bewaffneten Dajaks die Weiterreise angetreten. Schon graute der Tag, als die kleine Karawane das Zeltlager der Punan durchschritt; überall standen und saßen in Gruppen die Männer, man flüsterte und zischelte, obgleich keinerlei Angriffe oder Beleidigungen stattfanden; schon war fast das ganze Dorf passiert, als an der letzten Hütte desselben die Dajaks stehen blieben und zum Mittelbalken hinauf Worte riefen, aus deren Ton sich der haßerfüllte, beschimpfende Inhalt unschwer erraten ließ. Sie schwangen die Waffen und ballten die Fäuste, wildes gellendes Jauchzen erfüllte die Luft. — —
Holm sah hinauf, nicht ohne eine Vorahnung dessen, was seinen Blicken begegnen würde, — er versuchte es, die Knaben so schnell als möglich vorüberzuführen, aber der Doktor verhinderte ihn daran, indem er selbst stillstand und den Strohhut vom Kopfe nahm.