„Laßt uns den Kapitän hören,“ schlug Hans vor. „Vielleicht kann er Gutes raten.“

Und das geschah denn auch. Die letzten paar Meilen durch das Malaiengebiet wurden in langsamen Märschen zurückgelegt, und in der Stadt dem holländischen Gouverneur die ganze Angelegenheit zu Protokoll gegeben, ebenso das bedungene Geld den Hinterbliebenen Bassars ausgezahlt; dann steuerte das Schiff nach Lombock, einer der kleinen Sundainseln, an dessen von steilen Gebirgswänden umgebenen Küsten es tagelang warten mußte, ehe die fast unmögliche Landung zu glücklicher Stunde bewerkstelligt werden konnte.

Zwölftes Kapitel.

Wie ein Kranz von wutentbrannten Raubtieren mit drohend offenem Todesrachen umgab die Brandung das verhältnismäßig kleine Eiland, haushohe Wogen, schillernd in grün und blau, sprangen an kahlen Klippen hinauf, nirgends zeigte sich ein Hafen, nirgends war vom Schiff aus Wald und wohlthuendes Grün zu sehen, nur Bergspitzen ragten hoch über den Wolkenrand hinaus, leichte Rauchwolken auf einzelnen Punkten zeigten die thätigen Vulkane, grau und düster zogen sich Felsketten nach allen Seiten.

Es war verabredet worden, weder hier auf Lombock, wo gar keine bemerkenswerten Tiere leben, noch später auf Celebes weitere Touren in das Innere zu unternehmen. Tiere und Pflanzen sind auf den Sundainseln, wenn man Java und Borneo gesehen hat, mit sehr unbedeutenden Ausnahmen alle einander gleich, die großen Vierfüßler fehlen namentlich auf Celebes und der Gruppe der „kleinen Sundainseln“ gänzlich, die Erzeugnisse des Bodens sind dieselben, wenn auch in etwas abweichenden Arten der Baumwolle, der Farbehölzer u. s. w. Die Annahme des englischen Naturforschers Wallace, daß alle diese zerstreuten Erdflecke zusammen in vorgeschichtlicher Zeit ein Weltteil gewesen, erhält dadurch eine entschiedene Bestätigung.

Nachdem das Schiff auf einer sehr schlechten, offenen Reede vor Anker gegangen, begaben sich alle, die an Bord entbehrlich waren, zum Ufer, ohne jedoch daselbst irgend eine Spur von Menschen oder Menschenwohnungen zu entdecken. Im Gegensatz der entzückend schönen Landschaften Javas und namentlich Borneos war hier die Küste sandig, pflanzenarm und von niederem, reizlosen Buschwerk stellenweise bedeckt. Der vulkanische Ursprung zeigte sich auf jedem Schritt; die hohen Felsmauern, welche das ganze Land umgaben, fielen nach innen keineswegs ab, sondern bildeten eine breite Hochebene, die in der Weise eines Deiches unabsehbar dahin lief. Zahllose Käfer belebten den Sand, Schmetterlinge wiegten sich auf den Büschen, und stellenweise kletterten große Krebse über das steile Ufer schleunigst in das Meer zurück oder ließen sich ohne weiteres hineinfallen. In einiger Entfernung zeigte sich der Wald, weshalb die Reisenden dorthin ihre Schritte lenkten und auch bald des sonderbaren Anblicks, um den sie überhaupt einzig und allein hierher gekommen, teilhaftig wurden. Die grünen Wipfel standen äußerst undicht; aller Orten lagen zwischen den schlanken Stämmen der Fächerpalmen die gestürzten, fünfzig und mehr Meter hohen Baumriesen, oder starrten die grauen Überreste abgestorbener Exemplare, deren lebende, im besten Gedeihen befindliche Brüder ein ganz seltsames Aussehen zeigten. Die Palmen von Lombock, eine der höchsten Arten, blühen nämlich nur ein einziges Mal, werfen im Augenblick der Entstehung dieser Blüte sämtliche Blätter ab und tragen auf kahlem Stamm Früchte. Sind diese reif, so stirbt der Baum.

Dieses Bild von Zerstörung war eigentümlich, aber durchaus ohne allen landschaftlichen Reiz und von herbstlicher Grundfarbe. Hier oder da stand eine Palme im vollen Schmuck ihrer grünen, fächerförmigen Blätter; dann folgte eine mit kleinen unansehnlichen, ja kaum erkennbaren Blütenbüscheln auf dem nackten Holz; dann eine mit langen Ähren, in denen die glatten, grünen, ovalen Früchte wie Pflaumen bei einander lagen und zwischen diesen das Heer gestorbener Stämme, deren Holz in weniger als einem Jahr zu Staub zerfällt.

Die Früchte schmeckten erfrischend, waren aber sehr schwer zu erlangen und wurden außerdem verteidigt von einer Menge großer Kakadus, deren weißes Gefieder von allen Zweigen glänzte. Holm erlangte durch die Geschicklichkeit der im Klettern geübten Matrosen einige Blüten und Blätter des merkwürdigen Baumes, den die Erde nur an dieser einen kleinen Stelle trägt; dann wurde, nachdem der Hauptzweck so schnell erreicht, das nächste Dorf aufgesucht. Wald schien die Insel nicht besonders viel zu haben, nur ödes, häßliches Buschwerk versperrte den Weg; nach einigen Stunden fortgesetzten Vordringens dagegen zeigten sich Baumwollenfelder und in einer sumpfigen Niederung üppiger Reisbau, die gewohnten Baumarten, Schlinggewächse, Affen, Papageien und Insekten aller Art. Zerstreute Gebäude auf Pfählen, etwa fünf bis sieben Familien fassend, lagen unregelmäßig zwischen den Äckern, die weißen Turbane und die blaugestreiften Lendentücher verrieten die Bekenner des Islam.

Unsere Freunde lagerten an einer schattigen Stelle, entzündeten ein Feuer und begannen die vom Schiff mitgebrachten Vorräte zuzubereiten, wobei sich der Kreis ihrer Zuschauer mehr und mehr verdichtete. Hierher nach Lombock kam sehr selten ein Schiff, viel weniger aber die Besatzung desselben in die Dörfer der Malaien; es war ersichtlich, daß die meisten dieser halbnackten Wilden nie weiße Menschen, nie Schußwaffen oder überhaupt Spuren der Zivilisation kennen gelernt hatten; sie hielten sich in respektvoller Entfernung, die Kinder flüchteten bei jeder Anrede erschreckend zu den Müttern, und selbst die Männer zeigten eine Scheu, welche nur ganz Wilde den Europäern gegenüber an den Tag legen.

Hier auf Lombock konnten wieder wie in Westafrika kleine Spiegel, Knöpfe und Perlen als Geschenke dienen; am meisten aber belustigte die Art und Weise, in welcher unsere Freunde ihre Mahlzeit verzehrten, das gelbe zusehende Völkchen, und als endlich einige Männer nach langem Ermuntern und Bitten an der Tafel auf Gottes grüner Erde mit Platz nahmen und sich von den vorhandenen Lebensmitteln vorsetzen ließen, da wagten es die übrigen, langsam näher zu kommen. Die Messer schienen den Leuten bekannt, nicht aber die Gabeln, vor deren Berührung sie sich kopfschüttelnd zurückzogen; ebensowenig die Löffel. Das Fleisch spießten sie mit einem spitzen Holzstäbchen, und den Reis warfen sie mittels dreier Finger in die Luft, um ihn dann geschickt mit den Lippen wieder einzufangen.