„Dann schlagen vielleicht die Wellen zur Thür hinein, spülen Kinder und Greise mit sich weg oder reißen die ganze Hütte in ihren Schoß hinab, daran läßt sich eben nichts ändern. In China hat man ja engbevölkerte, schwimmende Städte, die oft über Nacht meilenweit stromab getrieben werden, von denen im Orkan ein Dritteil aller Bewohner zu Grunde geht; — es bleiben immer noch mehr als genug Menschen übrig. Die Familienliebe, die Zärtlichkeit der Eltern für ihre Kinder ist wenig entwickelt, da wo es großen Massen am Notwendigsten fehlt; in den unteren Schichten des Volkes verkauft der Chinese mit Vergnügen seine Sprößlinge für billiges Entgelt, verschenkt sie auch wohl gar, um nur die hungrigen Mäuler loszuwerden. Ich glaube, die Orang-Badju machen es nicht besser.“
Wirklich sollte Holm mit dieser Vermutung recht behalten. Mehr als ein gelber, verschmitzt blickender Fischer kam in seinem Boote heran und deutete vertraulich blinzelnd auf einen größeren oder kleineren Jungen, den er mit sich führte. Ob nicht der fremde Herr einen Schiffsjungen brauche, einen Diener oder sonst einen Knecht irgend einer Art; ganz wohlfeil sei er zu haben, für geringe Bezahlung, er sei ein so geschicktes, anstelliges Kind, so klug und so sanft wie ein Mädchen, der Herr möge ihn nur erst einmal mitnehmen!
Und wenn dann der Kapitän den Kopf schüttelte, bot der brave Vater seinen Sohn ganz umsonst an, meistens wurde erst eine entschiedene Drohung notwendig, ehe die beharrliche Verfolgung ein Ende nahm.
Etwas weiter hin, außerhalb des Gebietes der Pfahlbauer, begann dann an der Küste im seichten Wasser die Algenfischerei, zuerst mittels der herabgelassenen Lampe, die ohne Schleppnetz oder eine andere Vorrichtung zum Fang nur als Beleuchtungsmittel diente. Während das blaue, bewegliche Element auf hohem Meer bis zu zehn und zwölf Meter Tiefe ganz durchsichtig bleibt, ist diese Eigenschaft an der Küste selbst nicht mehr bis zu einem Meter vorhanden, die Strahlen der Laterne waren also erforderlich, um dem tauchenden Matrosen den Weg zu zeigen. In einen Taucheranzug gehüllt, wurde der Mann hinabgelassen, nachdem der Schlauch der Luftpumpe wohl gefüllt, und dann die Laterne nachgesandt. Das Wasser war vielleicht sechs Meter tief, einige Augenblicke hätten genügt, um auf das leiseste Zeichen hin den Taucher an die Oberfläche zu bringen, die Sache konnte daher ganz ungefährlich genannt werden und machte hauptsächlich den Knaben großes Vergnügen.
Auch die Orang-Badju kamen auf ihren Booten von allen Seiten heran, vielleicht bei dem Erblicken des Tauchers an Zauberei denkend, vielleicht in der stillen Hoffnung, den Schatz, welchen nach ihrer Ansicht die Weißen aus dem Meere hervorholen wollten, ohne viele Mühe an sich zu bringen, jedenfalls aber voll Erwartung, im tiefsten Schweigen und in dichtgedrängter Menge. Eine förmliche Flotte umgab das große Boot von der „Hammonia“, und als sich der Grund des Wassers zu erhellen begann, da stiegen zu den „Empong“ oder Göttern der Insel doch allerlei Stoßgebete empor. Sie selbst kannten nicht einmal ein Mittel, am Abend die trockene Luft zu beleuchten, diese Weißen dagegen verstanden es, sogar das Wasser anzuzünden. — —
Ein Gemurmel durchlief die Menge. Den Zauber sollten die Weißgesichter herausgeben, — einer verständigte sich mit dem anderen durch Blicke; um jeden Preis mußte man das Feuer, welches tief unter dem Wasser brannte, besitzen.
Unsere Freunde hatten inzwischen ein reiches Lager von Algen entdeckt. Was auf hohem Meere vielleicht eben so schön und mannigfaltig vorhanden war, das ließ sich doch nur sehr selten und meistens in zerrissenen oder abgestorbenen Exemplaren einsammeln; hier aber wuchs es nahe der suchenden Hand in üppigster Vielgestaltung; manche ganz neue Art sah Holm zum erstenmale, manche bekannte, lang vermißte fand er endlich wohlerhalten vor, während die jungen Leute und der Doktor in ein wahres Zauberland zu blicken glaubten.
Die Welt da unten glich der des Märchens, es war der Palast und der Wald des verwünschten, in einen Frosch verwandelten Königssohnes; allerlei kriechendes, sonderbares Getier bildete die Dienerschaft, das Bett war von grünen, ganz kleinen, aber üppig dicht neben einander stehenden Pflänzchen, und zur Wache thronten an beiden Seiten große Krebse mit weit heraustretenden Augen. Das waren die wie Samt aussehenden Konserven, die dichten Teppiche, auf denen sich Würmer mit roten Ringeln und Federbüschen am Kopf behaglich dehnten; aus ihrer Mitte heraus wuchs der Meersalat mit breiten, grünen Blättern und zuweilen hier oder da die rosa und scharlach gefärbten Irideen in der Pracht ihrer riesigen, mantelförmig gefalteten Blätter, dann der gewöhnliche, olivenfarbene Tang und die seltsamen, netzförmig durchbrochenen Thalassiephyllen und Agaven. Diese letzteren bildeten in des Zauberprinzen Königreich schon die großen Baumarten; sie sahen aus wie ein tropischer Wald und schillerten zuweilen sogar auf einer und derselben Blattfläche in allen Farben. Gelb, grün, rot und blau in Verbindung mit sämtlichen Zwischenstufen dieser verschiedenen Grundtöne, dehnten sich die meterlangen und ebenso breiten, von Gestalt unförmlichen Blätter unter dem Wasser, gestickten Maschen gleich, ganz glattfest, knorpelig oder wie Gallerte, je nach ihrer besonderen Eigenart, tief unter dem Schatten der großen Riesen des Wasserwaldes. Diese letzteren waren die Laminarien mit ihren zehn Meter langen, dem Auge unübersehbaren, wie breite wellige Bänder dahinflatternden Blättern, die Makrocystisarten mit birnenförmigen Blasen, die langgestielten Alarien, deren Stamm von einem schmalen Blattbüschel wie von einer Manschette umfaßt, in das einzige riesige, auf hohem Meer bis zu zwölf, hier freilich nur bis zu fünf Metern anwachsende Blatt auslief. Erst fadenförmig, dann stärker und stärker werdend, endete dieses Blatt als plumpe, runde Keule, auf der ein ganzer Büschel langer, schmaler Blattstreifen sich nach allen Seiten ausbreitet. Zwischen und unter den genannten großen Gattungen wuchsen zahllose, purpurne Florideen, und endlich und zuletzt erschienen als die Blumen dieser weitgedehnten Busch- und Baumanlagen die schönen zarten Seerosen aller Farben, von den kleinsten, die wie Fingerhüte an jeder vorspringenden Klippe hafteten, bis zu den größten, deren Umfang den der Rose weit hinter sich ließ, von weiß bis dunkelrot, violett und hochgelb in allen Schattierungen.
Das ganze Bild im schwankenden Licht der Laterne hatte etwas wunderbar Phantastisches, Märchenhaftes; die Gestalt des Tauchers, vom Wasser vergrößert und auseinandergezogen, erschien wie die eines Riesen, der raublustig einbricht in das stille Reich und ganze Wälder, ganze Fluren auf einen Griff verwüstet. Wenn die große Hand solch unterseeische Pflanze erfaßte und in den mitgebrachten Sack steckte oder zum Boukett, dessen letzte Ausläufer zehn Schritt weiter hin im Wasser lagen, zusammenraffte, dann flüchteten Krebse und Käfer, Schnecken und Muscheln nach allen Seiten. Die Seerosen wurden verschont; man hatte sie oft genug gesehen und wußte ja, daß ihnen die freie Luft sofort tödlich war; ebenso die kleinen Krebse und Muscheln.
Die Winde am Deck begann zu arbeiten, langsam erschien auf der Oberfläche des Meeres der Taucher mit dem Sack voll Algen, und vorsichtig wurde ihm dieser, sowie das gesammelte Boukett der größeren Pflanzen aus der Hand genommen. Holm zog die langen Blätter an sich wie Schätze, die ihm der nächste Hauch entführen könnte; er ließ die Laternen aufwinden und gab Befehl, so schnell als möglich zum Schiff zurückzukehren; dann aber, als seine Blicke der feindlichen Haltung aller dieser Wilden begegneten, stutzte er. Was bedeutete das?