„Sollten auch wir eine kopflose Leiche an Bord bringen, Karl?“ fragte Franz.
Der junge Gelehrte wandte sich ab. „Er wurde gewarnt,“ sagte er seufzend. „Weshalb suchte er im Ungehorsam eine Art von Ehrgeiz?“
Franz sah stumm über das Meer hinaus. Der arme Schelm hatte so fröhlich dreingeschaut, sein lebensfrisches Bild stand so klar vor der Seele des Knaben, — er fühlte, wie Thräne um Thräne über die Wangen herabrollte. Dies Ereignis machte auf ihn einen Eindruck, stärker und erschütternder als alle früheren.
„So laß uns suchen,“ ermahnte er endlich. „Laß uns wenigstens den toten Körper finden.“
Es wurde nun eine Kette gebildet und rings im Halbkreise das Waldgebiet durchforscht; kein Gebüsch, keine Niederung blieb unbeachtet, aber nichts war zu finden, bis am späten Mittag der Malagasche eine Stelle entdeckte, an der er stehen blieb. „Hier ist in der letzten Nacht die Erde aufgegraben worden,“ sagte er. „Das Gras und das Moos wachsen nicht, sie sind nur lose in den Boden gesteckt.“
Er lockerte mit der Hand den Pflanzenwuchs, unter welchem sich sogleich die frisch umbrochene Erde deutlich zeigte, und wo schon nach geringer Mühe, in einer Tiefe von kaum sechs Zoll, die Leiche des unglücklichen jungen Menschen gefunden wurde, — kopflos wie man erwartet hatte.
Schweigend umstanden alle das offene Grab, besonders Franz war tief im Herzen erschüttert. Noch immer hörte er den Toten sagen: „Ich hatte gerade gehofft, daß Sie heimlich mit mir gehen würden!“ —
O wie inbrünstig dankte er dem Himmel, hier nicht nachgegeben zu haben; wie demütig gestand er dem eigenen Bewußtsein, daß nur der Mangel an Neugier, nicht aber ruhige Überlegung ihn zurückgehalten. Hätte er nicht auf Borneo das Innere eines solchen Familienhauses genügend kennen gelernt, wer weiß, ob nicht die Versuchung auch ihn überwältigt haben würde. Es war ein stilles, aber festes Versprechen, das er an diesem Grabe sich selbst leistete.
„Auf!“ ermahnte der Doktor. „Hüllt die Leiche in unsere Wolldecken, Kinder, und tragt sie abwechselnd, damit wenigstens ein ehrliches Seemannsbegräbnis dem Armen zu teil werde. Ich übernehme es, zuerst an Bord zu gehen und dort unsere Freunde vorzubereiten.“
Vier Matrosen nahmen den Körper ihres Kameraden, banden ihn mit ihren Riemen an ein paar derbe Stangen und trugen ihn so schweigend, in unheimlicher Stille, gefolgt von den übrigen, bis zur Bucht am Strande. Keiner dachte an Essen, obwohl ihnen seit dem gestrigen Abend nichts mehr zu teil geworden war; keiner dachte an eine Bestrafung der hinterlistigen Alfuren, die sich heute morgen alle sorgfältig versteckt gehalten hatten, oder an die verlorenen Waffen; — sie beeilten sich nur, so schnell als möglich das Gebiet des tückischen Stammes zu verlassen und atmeten voll Erleichterung auf, als ihnen durch das Buschwerk des Strandes der Ozean blau und friedlich entgegenschimmerte.