Der Dampfer lag hart an der Küste, und auf dem Verdeck stand der Steuermann, — er musterte wie in Gedanken verloren das felsige Ufer. Erst als ein lautes „Schiff Ahoi!“ der Matrosen sein Ohr traf, fuhr er zusammen. Schon die nächste unwillkürliche Handbewegung zeigte den Schrecken, welcher ihn durchbebte.
Das abstoßende Boot brachte den Alten selbst, und da war es denn der Doktor, welcher ihm entgegenging, um in schonender Weise das Unglück zu berichten. Papa Witt schüttelte den Kopf. „Ich weiß es schon,“ sagte er, „ich wußte es, seit wir in den malaiischen Archipel kamen. Bin nicht hier gewesen seit jener Unglücksnacht, hab’s immer vermieden, obgleich ich tausendmal im Traum diese scharfe Ecke und die unruhigen schwarzen Wellen am äußersten Vorsprung sah, — aber daß es geschehen würde, wußte ich. Solch ein Vorgefühl täuscht nicht. Na, nun sagen Sie mir nur, wer es ist; Hartmann, nicht wahr, Herr Doktor?“
„Konnte es mir denken,“ fuhr er fort, „gerade er war der helläugigste, frischeste Bursche unter allen, ihn trieb die kecke Lebenslust ins Verderben, wie damals meinen Kameraden. — Steigen Sie nur ein, Herr Doktor, das große Boot soll die Leiche holen.“
Er hatte dem alten Theologen zu keiner Antwort Zeit gelassen, hatte auf dem Gesicht desselben die Richtigkeit seiner Vermutung schon gelesen und drängte ihn jetzt in das kleine Fahrzeug hinein. So kam es, daß der Doktor auch den Kapitän vorbereiten konnte, ehe nach einer Viertelstunde das große Boot die Leiche mit den übrigen Reisegenossen wieder an Bord brachte.
Von den Alfuren zeigte sich auch jetzt kein einziger; sie mochten, ihrem eigenen wilden und rachsüchtigen Denken nach, wohl annehmen, daß jetzt die Weißen ihre Kanonenkugeln in das Dorf hineinschicken würden, und waren alle landeinwärts in die Wälder geflohen. Natürlich aber geschah dergleichen nicht; das Schiff verließ die Küste, und erst als der letzte Streifen Landes dem Auge entschwunden war, versenkten die Kameraden auf hoher See den Leichnam des Vorwitzigen, der so kecklich seinem Übermute die Zügel schießen ließ und vielleicht die schrecklichsten Martern erlitten hatte, ehe ihn der Tod aus den Händen der Alfuren erlöste.
Noch einmal grüßte, langsam hinauf und herab gleitend, Deutschlands Flagge vom Mast den toten Sohn der Vaterstadt, noch einmal sahen die Genossen zurück zu der Stelle, wo die Celebessee den kopflosen Leichnam verschlungen — dann drehte sich der Eisenrumpf, und das Schiff steuerte den Inseln Australiens entgegen, zunächst der kleinen, wenig bekannten Nightinsel zu, wo ein friedliebender, harmloser Papuastamm auf allerunterster Stufe, fast im Zustand der Tierheit, leben oder besser vegetieren sollte.
Dreizehntes Kapitel.
Wie wohlthuend berührte nach der brennenden Hitze in der Celebessee die immer frischer und frischer werdende Kühle jede Stirn! Jetzt ging es mit gleichem Schritt über Australien bis zur antarktischen Barriere, und die beiden Knaben freuten sich schon im voraus des Schnees, mit dem sie nach so langer Entbehrung wieder Ball spielen wollten. Es war höchst komisch, welche Mühe sie sich gaben, dem Malagaschen begreiflich zu machen, was Schnee sei. „Gefrorenes Wasser,“ sagte Hans, „kleine zarte, sechseckige Sterne.“
„Der Übergang zwischen Wasser und Eis,“ setzte Franz hinzu.
Rua-Roa schüttelte immer wieder den Kopf. „Aber was ist denn gefroren?“ fragte er.