Aber wie traurig war gegen die schönen Sundainseln, gegen das entzückende Ceylon hier die ganze Umgebung! Busch und Sand, Sand und Busch, so wechselte es mehrere Tage lang, bis endlich langgestreckte Weiden, von Hunderttausenden von Schafen bedeckt, eine geringe Veränderung boten. Am Saume dieser Grasflächen stand jedesmal das Hüttendorf des wandernden Stammes, dem die Tiere gehörten, und bei dem nächsten wurde Halt gemacht. Das Dorf selbst hatte rohgearbeitete, niedere, wie Maulwurfshaufen neben einander liegende menschliche Wohnungen, die hier nirgends auf Pfählen standen, sondern viel eher sogar um einen oder mehrere Fuß tief in den Boden hineingegraben waren. Das spitze Dach trugen ein paar starke Pfähle; Blätter und Zweige, auch wohl Stücke von lebendem, lustig wachsendem Gras bildeten die Bedeckung; Fenster gab es nirgends. Das Seltsamste an diesen Gebäuden aber war, daß sie sämtlich keine Vorderwände hatten, auch nicht einmal eine Andeutung derselben, keine Matte oder Vorhang, sondern nur die weit offene Front, vor der gewöhnlich ein helles Feuer brannte. Jeder Stamm hatte nur einen losen Verband, an der Spitze eine Art von Häuptling; der des ersten Dorfes hieß Wi-Tako und war ein großer, starker, alter Australneger, dessen finstere Blicke, im Verein mit dem unförmlichen durch die Nase gezogenen Knochen und der dunkelblauen, den ganzen Neger bedeckenden Malerei ihm ein wenig angenehmes Äußere verliehen. Desto eigentümlicher war die Kleidung, welche bei ihm und bei allen übrigen, sogar auch den Frauen, aus einem langen, vom Kopf bis zu den Füßen reichenden Mantel aus Opossumfell bestand, dazu eine Mütze vom selben Stoff und unter den Sohlen eine Art von ledernen Sandalen. Die Leute schienen sämtlich Hirten zu sein; sie zogen in den wasserarmen Gegenden von Busch zu Busch und fristeten offenbar ein kümmerliches Dasein, obgleich neben den Dorfhütten auch bebaute Strecken auf eine gute Ernte hinzudeuten schienen. Mürrisches Wesen, Roheit und Mißtrauen bildeten die Grundzüge des Volkscharakters.
Häuptling Wi-Tako, der wie die meisten seiner Unterthanen ein leidliches Englisch sprach, bot den Weißen als Aufenthalt eine gerade leer stehende Hütte und lud sie ein, an einer großen für den folgenden Tag festgesetzten Känguruhjagd teilzunehmen; die „Gins“ oder Frauen des Stammes brachten ein steinhartes, bleischweres Brot aus Maismehl, getrocknetes und wieder gekochtes Schaffleisch, sowie ein Gemüse aus Bohnen oder Linsen; dann überließ man die Gäste, ohne weiter Notiz von ihnen zu nehmen, sich selbst, offenbar erstaunt, daß vor ihrer Hütte kein Feuer entzündet, wohl aber der Eingang mit Wolldecken verhüllt wurde. Die Frauen betasteten sogar das Gewebe, flüsterten unter einander und setzten sich dann wieder zu der Wolle, welche verfilzt und verworren in großen Haufen neben jedem Feuer lag, um mit einer Art von grober, hölzerner Hechel vorerst des reichlichen Schmutzes entkleidet zu werden. Sie sahen aus wie eine Gesellschaft zahmer, kränklicher Affen, diese Weiber, besonders die alten, skelettartig mageren, wie sie zusammengekauert unter dem formlosen Fellmantel dasaßen und schweigend Wolle kratzten, anscheinend ohne eine Ahnung, daß aus eben diesem Stoff die leuchtend roten, zartbraunen und weichen Decken der Reisenden gewebt seien. Arm, roh und unwissend in einem Lande ohne Schönheit oder pflanzlichen Reichtum, scheinen sie Stiefkinder der Natur selbst den nackten afrikanischen Wilden gegenüber.
Kein Wasserstreif unterbrach das Gelbgrün des Bodens, wenig Vögel sangen im Busch, und selten nur belebte ein lauterer Schall die Öde. Als der Abend dämmerte, legten sich aller Orten die Schafe in gedrängten Massen zum Schlaf, große magere Hunde umkreisten die Herden, der Hirte im Fellmantel entzündete sich ein Feuer und kochte sein Abendbrot, Wald und Busch verschwammen zum grauen Ganzen; es lief wie die erste Ahnung der nahenden kalten Zone über den Rücken der Reisenden herab, und fester und fester hüllten sich alle in ihre Decken.
„So geht es noch Hunderte und Aberhunderte von Meilen fort,“ sagte Holm. „Das Innerste von Australien ist gerade so unbekannt, wie das des äquatorialen Afrika, es kann aber unmöglich die Forschung in gleichem Grade anziehen, weil das Tier- und Pflanzenleben keinen Reichtum verheißt, weil man den Boden als wasserarm und daher den Ertrag als dürftig kennt. Hier an den Grenzen des der Kultur gewonnenen Landes betreiben die Einwohner noch Schafzucht und Wollhandel, weiterhin in der felsigen Gegend hört auch das auf, da lebt man von der mageren Ernte und vom Raube, da bewohnt man Höhlen und hat den leichtsinnigen, zum fröhlichen Nichtsthun geneigten Charakter solcher Völker, die gar kein Eigentum besitzen. Wir werden auch die Eingebornen der Berge kennen lernen.“
„Wie lange bleiben wir denn hier, Karl?“ fragte Franz.
„Hm, übermorgen geht’s fort, denke ich. Die große Känguruhjagd müssen wir doch jedenfalls mitmachen.“
Dem stimmten die übrigen lebhaft bei; es wurde noch eine Zeitlang halblaut gesprochen; zuweilen wieherte im Busch eins der Pferde, zuweilen flog eine Fledermaus durch den engen Raum oder ein fliegender Fuchs mit spitzer Schnauze; dann schliefen alle, bis sie bei Tagesanbruch durch einen langgezogenen, lautschallenden Ton erweckt wurden. Häuptling Wi-Tako in eigener Person sammelte seine Scharen zum großen Treiben, dem die Feinde der bebauten Felder, die überhand nehmenden Känguruhs, erliegen sollten. Mit einem Muschelhorn vor den Lippen, ohne Mantel, nur angethan mit dem Nud-le-bul oder breiten Gürtel aus Tierhaut, ganz kornblumenblau angemalt, auf Brust und Rücken abscheuliche Tier- und Fratzenbilder von Narben, so stand er da und blies gellende, unharmonische Töne, die indessen von allen Eingebornen verstanden und deren Befehle sofort vollzogen wurden. Schar auf Schar trabte herbei, jeder einzelne Mann bekleidet, bemalt, und tättowiert wie der Häuptling selbst, jeder bewaffnet mit dem gefürchteten Bumerang, jener hölzernen, einen Meter langen, krummen und im Fliegen einen Bogen beschreibenden Waffe, sowie einem Wurfspieß, einem steinernen Hammer und einem Messer, das in der Scheide vom Nud-le-bul herabhing. Als ein paar hundert Männer versammelt waren, wurden die Befehle zur Aufstellung gegeben und mit größter Pünktlichkeit ein Buschgebiet von einer Viertelmeile im Umkreis des Dorfes förmlich umstellt. Unsere Freunde hatten, da die Wilden unberitten waren, auch ihrerseits die Pferde weggelassen und sich bei seiner blaugefärbten Majestät nur ausbedungen, während der Jagd nicht von einander und nicht von den Führern getrennt zu werden. So standen sie denn unter den ersten, ziemlich blassen Strahlen der australischen Sonne im hohen Gras und warteten der Dinge, die da kommen sollten. Hierher wollten die Neger aus dem Busch heraus das sonderbare, springende, einer Riesenmaus nicht unähnliche Geschöpf bis auf die freie Fläche treiben und dort töten; die geladenen Büchsen harrten ihrer Opfer.
Von ferne erklangen jene greulichen Töne der Muschelhörner; zuweilen schlüpfte ein Opossum oder eine Ratte, beunruhigt durch die ungewohnte Störung, eilends vor den Füßen der Jäger vorüber, ein paar Kasuare reckten die langen Hälse, Erdpapageien sahen aus ihren Löchern hervor, Trappen, Tauben und Hühner flatterten vom Walde herüber und Dingos sprangen mit großen Sätzen ins Freie; die Weißen hatten schon hübsche Beute gemacht, ehe noch die ersten Känguruhs aus den Büschen brachen. Das Geschrei der Wilden tönte näher und näher; erst zu zehn und zwanzig, dann zu Hunderten erschienen die aufgescheuchten Tiere und wurden reihenweise von den Bumerangs, sowie von den Wurfspießen der Australier niedergemacht. Fast anderthalb Meter hoch, mit unförmlich langen, fleischlosen Hinterbeinen und einem sehr dicken, meterlangen Schwanz, der beim Sitzen als Stütze dient, hatten die Känguruhs einen graubraunen, auf dem Rücken dunkleren Pelz, der am Bauche bräunlichweiß erschien und in grauen Streifen über das Gesicht lief; die Vorderbeine waren unverhältnismäßig kurz und der Hinterleib plump; alle weiblichen Tiere hatten die bekannten Beutel, in denen sich nackte Junge an den Zitzen ihrer Mütter festhielten.
Etwas vom Kaninchen, etwas von der Maus, ganz eigenartig mit Rücksicht auf den Stützschwanz, zuweilen mittels der Hinterläufe die kräftigsten Schläge austeilend, so erregte das im zoologischen Garten oft gesehene Tier hier in vollster Freiheit das Interesse aller Beschauer, namentlich durch die enorme Anzahl, in welcher es erschien. Fünf- bis sechshundert Känguruhs wurden an diesem einzigen Morgen erlegt und von den „Gins“, nachdem sie ihrer Bälge entkleidet, ins Dorf geschleppt, um dort als leckerer Bissen in den Topf zu wandern.
Unsere Freunde entschlossen sich erst auf das Zureden der Führer, auch ihrerseits einen jungen Bock zu braten und zu kosten. Hatten sie doch im Gefängnis von Madagaskar sogar einen Mückenkuchen genossen, der, wie Franz erinnerte, sogar ganz vortrefflich geschmeckt, — es kam nur auf den ersten Entschluß an.