Das übliche Feuer vor der Hütte flackerte lustig empor, das Känguruh wurde von den Händen der Führer kunstgerecht ausgeweidet und an den mitgebrachten Bratspieß gesteckt; dazu kochte man einheimisches Gemüse, für dessen Bereitung das Wasser weit hergeholt werden mußte, und endlich jenen Kaffee, der nach der anstrengenden Morgenjagd allen gleich wohlthat, den zu kosten aber die Eingebornen sich beharrlich weigerten. Nach dem Frühstück, bei dem das Känguruh als wohlschmeckender Braten von den Reisenden vollständig aufgezehrt wurde, zeigte Wi-Tako seinen Gästen die Umgebung des Dorfes und unter anderem auch das Feld, welches während einer der vorigen Nächte von den Känguruhs überfallen und seiner Früchte vollständig beraubt worden war. „Wenn es mit den springenden Tieren zu arg wird, schlagen wir ein paar hundert tot,“ sagte er, „dann verläßt der überlebende Rest die Gegend. Die Felle verbrauchen wir zu Mänteln und Decken, das Fleisch wird verzehrt oder, wenn die Gelegenheit günstig ist, nach den Städten hin verkauft. Die Kolonisten bezahlen es teuer.“
„Und sonst habt ihr keinerlei Jagd?“ fragte Franz.
„Ein paar Vögel vielleicht,“ entgegnete der blaugefärbte, mit einem gewaltigen Nasenknochen geschmückte Monarch, „aber viel ist es nicht. Wir leben von der Schafzucht.“
„Und was betreibt ihr denn zur Unterhaltung,“ fragte wieder der durch das Einerlei der Umgebung schon heimlich angefröstelte junge Mann, „wodurch erfreut ihr euch oder belebt den Mut, die Lust zur Arbeit? Es muß doch grenzenlos langweilig sein, so fortwährend Schafe zu hüten und zu scheren.“
Der Häuptling tutete wieder in das Muschelhorn hinein, worauf sich vom Dorf her ein langer Zug in Bewegung setzte, junge Männer sowohl als junge Mädchen, alle auf das abschreckendste bemalt, alle nur mit dem Nud-le-bul bekleidet und mit gewaltigen Masken aus Flechtwerk oder buntgefärbtem Thon versehen. Nachgemachtes Haar hing von diesen, die natürliche Größe dreifach überragenden Köpfen in Unmasse herab, die Gesichter waren scheußliche Fratzen, zum Teil sogar Tierköpfe, zum Teil feuerrot oder gelb angestrichen. Die affenartig langen, mageren Arme und Beine der Neger, die sinnlose Farbenverteilung und die Riesenköpfe bildeten ein Ganzes, das durch Häßlichkeit abstieß, dennoch aber in seiner Originalität und als nie Gesehenes das Interesse der Zuschauer in Anspruch nahm.
Die Neger entzündeten mittels Aneinanderreiben zweier dürrer Holzstücke einen Scheiterhaufen, der vorher schon dort zusammen getragen worden war; dann bildeten sie um die brennende Masse eine Kette und begannen zu tanzen, indem die Hände klappernd auf die Kniee schlugen und nach einem einigermaßen erkennbaren Takt ein geheulartiges Singen oder Schreien, begleitet von Fußstampfen, die Luft zerriß. Immer schneller und schneller wurden die Sprünge, immer teuflischer erschienen in der grellroten Beleuchtung die schwarzen Gestalten, immer rasender drehten sich im Kreise alle diese gehörnten, mit Vogel- und Mäuseköpfen verzierten Menschen; hier verschwand in windgetragener Rauchwolke ein Teil der Tanzgesellschaft, hier erglänzte von Funken übersäet ein anderer, und zwischen allen diesen tollen Springern stand, auf dem Muschelhorn tutend, der Häuptling, zuweilen unwillkürlich die Bewegungen der Tänzer nachahmend, zuweilen von seinen langgezogenen Klängen zu kurzen, schrillen, schnell auf einander folgenden übergehend und dann wieder im tiefsten Moll das Geheul der tanzenden Stammesgenossen begleitend.
Nach diesem Tanz kam ein Kampfspiel, wobei die Bumerangs durch die Luft flogen, Spieße und Hämmer weidlich geschleudert wurden und ein Handgemenge mit blitzenden Messern den Einzelkampf versinnlichte. Hier lag ein Schwarzer scheinbar leblos, dort schwenkten und flüchteten andere, ganze Scharen drangen im Sturmschritt vorwärts, Gebrüll und Kampfrufe erschütterten die Luft, selbst das Wehklagen der Sterbenden wurde nachgeahmt, und endlich näherten sich vom Dorfe her die Gins, um mit verhüllten Gesichtern, schreiend und weinend bei den Gefallenen in das Gras zu sinken. Diese ganze Komödie zeigte ein starkentwickeltes Schauspielertalent der Neger; sie kam in manchen Szenen der Wirklichkeit bis zur Täuschung nahe und wurde schließlich von den Weißen durch reichlich gespendete Scheidemünze belohnt.
Es war während der Vorstellung fast Abend geworden; die Scharen der Tierkopfträger und Bemalten, der Bumerangkämpfer und wiedererstandenen Toten wanderten zum Dorfe zurück; helle friedliche Feuer und lagernde Herden begrüßten die Heimkehrenden, nochmals gab es Känguruhbraten, und dann senkte sich die Nacht herab auf diese armen, aber zufriedenen Menschen.
Am andern Morgen wurde die Reise in das Innere weiter fortgesetzt. Große Wälder der gleichen, düsteren, einförmigen Art führten hinauf in das Gebirge.
Wie arm doch das Tierleben war! Wenig Schmetterlinge und Insekten, wenig Singvögel, an Vierfüßlern nur die kleinen Opossums und das Schnabeltier, der Ameisenigel, welcher mit heraushängender, klebriger Zunge wie tot am Boden lag und die ahnungslosen Tierchen zu Hunderten auf den Leim lockte, ehe er sie plötzlich mit einem einzigen Ruck in die Tiefe seines Magens beförderte, um dann dasselbe Spiel von neuem zu beginnen. Auch das einen halben Meter lange Schnabeltier mit dem rüsselartigen Kopf lebte in Erdlöchern, die sich zahlreich neben einander befanden und aus deren Eingängen die tiefliegenden Augen der scheuen Bewohner neugierig hervorsahen, um dann blitzschnell wieder zu verschwinden. Es kostete eine ähnliche Anstrengung wie bei den Beuteltieren der Nightinsel, um ein Männchen zum Schuß zu bringen, schließlich gelang’s aber doch, und Holm präparierte den Balg, um ihn sogleich an Bord der „Hammonia“ auszustopfen und nach Hamburg zu schicken.