So ritt unsere Schar vierzehn Tage lang ins Innere des fünften Erdteils, oft unter großen Entbehrungen für Menschen und Tiere. Als man endlich von einem Gebirgsrücken aus unabsehbar weite Ebenen vor sich sah, deren trostlos trockene Weiten auch keinen grünen Halm für die treuen Pferde verhießen, da hielt man es doch für geraten, die Küste wieder zu gewinnen.

Alle Führer rieten das Gleiche, und so zog die wanderlustige Schar über Berg und Thal den Gestaden des Meeres wieder entgegen, freilich in ganz anderer Richtung als der des Hafens, wo das Schiff lag, hinunter zu den Australnegern der wildesten Gegenden. Die Vegetation ging allmählich über in mehr südlichere Formen, die Vogelwelt wurde mannigfaltiger, schöne Papageien und die noch nirgends gesehenen schwarzen Kakadus füllten die Bäume, Palmen tauchten vereinzelt aus dem Fichtenwalde empor, wildes Zuckerrohr, Kautschukbäume, blühende Theesträuche, Orchideen und viele Kräuter sowie Schlinggewächse bedeckten den Boden. Die Führer warnten jetzt die Reisenden, auf der Hut vor der gefährlichen Schwarzotter zu sein, deren Biß tödlich werden könnte, wenn sie sich im gereizten Zustande befände oder ihr Giftzahn eine blutreiche Stelle des Körpers träfe.

Holm erkundigte sich, ob die Buschotter häufig in Australien vorkomme.

„Sie ist in einigen Gegenden eine förmliche Landplage,“ ward ihm zur Antwort. „Wo sie häufig vorkommt, kann man sich ihrer kaum erwehren. Man mag sich befinden, wo man will, in dem tiefsten Walde oder im dichten Heidegestrüpp, in den offenen Heiden und Brüchen, an den Ufern der Teiche, der Flüsse oder Wasserlöcher, man darf sicher sein, daß man seiner ingrimmig gehaßten Feindin, der Schwarzotter, begegnet. Sie dringt bis in das Zelt oder die Hütte des Jägers; sie ringelt sich unter seinem Bettlaken zusammen, sie legt sich unter seinen Stuhl und kriecht in Kisten und Kasten. Es ist zu verwundern, daß nicht weit mehr Menschen durch sie ihr Leben verlieren, als wirklich der Fall ist. Gegen Ende des März verschwindet sie, um ihren Winterschlaf zu halten, im September aber kommt sie ausgehungert wieder zum Vorschein und ist dann im höchsten Grade beißlustig und gefährlich. Ihre Bewegungen sind schneller als die anderer Giftschlangen, nicht selten verläßt sie das feste Land, um entweder auf Bäume zu klettern oder sich in das Wasser zu begeben.“

„Greift die Schwarzotter den Menschen an?“ fragte Franz.

„In der Regel nimmt die Schwarzotter eiligst die Flucht, wenn sie einen Menschen zu Gesicht bekommt,“ wurde ihm Bescheid. „In die Enge getrieben und gereizt, ja nur längere Zeit verfolgt geht sie ihrem Angreifer jedoch kühn zu Leibe und hat sich deshalb bei den Ansiedlern auch den Namen „Sprungschlange“ erworben. Die Schwarzen fürchten diese Schlange ungemein, trotzdem daß sie selten von ihr gebissen werden, und zwar aus dem einfachen Grunde, weil sie nur mit äußerster Vorsicht ihres Weges dahin gehen und ihre Adleraugen alles entdecken, was sich vor ihnen regt und auch nicht regt. Lange Gewohnheit hat sie in hohem Grade vorsichtig gemacht, so daß sie niemals eine Vertiefung durchschreiten und niemals in ein Loch treten, das sie nicht genau übersehen können. Sie essen Schlangen, welche sie selbst getötet haben, niemals aber solche, welche, wie dies oft geschieht, sich im Todeskampfe selbst einen Biß beigebracht haben.“

Hans wollte hierauf wissen, ob die Schwarzotter nur kleinen Tieren nachstellte, oder sich auch an größere Säugetiere wagte?

„Leider beißen sie in ihrer Wut Rinder und Schafe, die sie zu verzehren nicht imstande sind. Viele Kühe und Schafe, welche man im Sommer sterbend oder verendet auf den Ebenen liegen sieht, sind durch den Biß der Schlange zu Grunde gegangen, obgleich die Schafe viele dieser gefährlichen Geschöpfe töten, indem sie mit allen vier Füßen auf ihren Feind springen und ihn zerstampfen.“

„Also vorgesehen,“ mahnte Holm.

Plötzlich stieß Rua-Roa einen durchdringenden Schrei aus. Alle standen still.