„Was hätten wir beginnen sollen, wenn der Knabe von dem Scheusal gebissen worden wäre?“ fragte Doktor Bolten.

„Das erste wäre gewesen, die Wunde auszuschneiden und mit Schießpulver auszubrennen,“ antwortete der Führer. „Trotzdem aber würde die Wirkung des Giftes sich in großer Schläfrigkeit geäußert haben, gegen die der Knabe nur schwer angekämpft hätte. Wir hätten ihn jedoch zwingen müssen, auf den Beinen zu bleiben, denn aus dem Schlafe wäre er wohl kaum wieder zum Leben erwacht. Die Bewegung ist das einzige Mittel, den üblen Folgen des Bisses zu begegnen, nachdem das Gift so sorgfältig als möglich aus der Wunde entfernt worden. Geschieht keine von diesen Vorsichtsmaßregeln, so ist der Tod des Gebissenen unvermeidlich.“

„Gibt es kein Mittel, diese abscheulichen Tiere auszurotten?“ fragte Hans.

„In den Kolonien werden sie bereits seltener,“ entgegnete der kundige Führer. „Alljährlich wird daselbst das verdorrte Gras auf den Weideplätzen angezündet, um den Boden mit der fruchtbaren Asche zu düngen, und dem Feuer fallen alljährlich Tausende von giftigen Schlangen und anderem Ungeziefer zum Opfer. Man hofft allgemein, daß mit der zunehmenden Bevölkerung und einer regelmäßigen Bearbeitung des Landes die Giftschlangen sich rasch vermindern werden. Auch die Todesotter, welche selbst in der nächsten Nähe von Sidney häufig vorkommt, wird durch das Abbrennen der Weiden ziemlich vernichtet. Wenn auch die Eingebornen diese Schlange, welche bei der Ankunft eines Feindes ruhig liegen bleibt, um ihn zu erwarten, nicht für todbringend halten, so haben die Weißen doch schon das Gegenteil erfahren und halten deshalb die Todesotter für die gefährlichste aller Schlangen Australiens.“

Das soeben glücklich überstandene Begegnis mit der Schwarzotter hatte die kleine Karawane etwas verstimmt und mißtrauisch auf die Umgebung gemacht. Man sah sich vor beim Vorwärtsschreiten und vermied das freie Umherstreifen des einzelnen im Busch, um einer etwaigen Kollision mit dem gefährlichen Feinde aus dem Wege zu gehen. Während sie so dahinschritten und der allgewohnte, rechte Humor sich gar nicht wieder einstellen wollte, ertönte neben ihnen mit einemmal ein lautes Gelächter, das gerade so klang, als wenn eine Gesellschaft von alten Kaffeeschwestern sich köstlich über irgend einen Witz amüsierte.

Alle standen unwillkürlich still und horchten. „Wer war das?“ fragte der Doktor. „Sind Wilde in der Nähe oder spottet ein Heer teuflischer Dämonen über unsere triste Fahrt durch dieses greuliche Australien?“

„O nein,“ rief der Führer mit vergnügtem Gesichte, „das ist der lachende Hans, der beste Freund der Ansiedler, und dort sitzt er auf dem Zweige eines Baumes, uns neugierig betrachtend.“

Die Reisenden erblickten auf dem Baume, nach welchem hin der Führer deutete, eine Anzahl großer, grauer Vögel, mit starkem spitzen Schnabel und buschigem Kopfe, die in ihrer äußeren Gestalt Ähnlichkeit mit dem Eisvogel besaßen. „Es ist der Jägerliest oder Riesenfischer,“ sagte Holm, „ein wenig scheuer Vogel, der alles genau betrachten muß, was seine Neugierde reizt; den Ansiedlern ist er überaus nützlich, die den lachenden Hans oder Jacka, wie ihn die schwarzen Eingebornen nennen, sehr hoch schätzen. Des Morgens früh weckt er die Kolonisten mit seinem Gelächter und heißt deshalb auch des Buschmanns Uhr, da er sich namentlich gerne in der Nähe der Zelte und Wohnungen aufhält. Wegen seiner heftigen Feindschaft gegen die Schlangen ist er sogar ein geheiligter Vogel, den zu schießen als ein Verbrechen angesehen wird. Er tötet die giftige Schwarzotter, sowie die Todesotter, ohne ihrem Giftzahne zu erliegen, und selbst die Teppichschlange, die drei Meter lang wird und als die Riesenschlange Australiens angesehen werden kann, weiß er durch wohlgezielte Hiebe mit seinem scharfen, starken Schnabel zu verwunden und zu erlegen. Durch ihr Geschwätz und schallendes Gelächter bezeugen sie ihre Freude über den Tod ihrer Erzfeindinnen. Ob sie die Schlangen fressen, ist übrigens nicht genau festgestellt, es scheint vielmehr, als wenn sie sich von Eidechsen und den kleinen Säugetieren ernähren, so daß ihr ununterbrochener Krieg gegen die Schlangen aus einem besonderen Haß hervorgeht, den sie auf diese Geschöpfe geworfen haben.“

„Ein dreimaliges Hoch dem wackeren Vogel,“ rief Hans, „auch wir wollen den prächtigen Burschen nicht erlegen, sondern ihm sein nützliches Leben unbehelligt lassen, zumal er mein Namensvetter ist.“

Alle leisteten dieser Aufforderung Folge, worauf sie endlich einmal wieder in ein herzliches Gelächter ausbrachen, in das der lachende Hans mit seiner Sippe fröhlich einstimmte.