„Der Bau eines Wombats!“ rief der Führer. „Er schläft bei Tage, ohne sich um den Sonnenschein zu kümmern, an dem sich andere Tiere erfreuen, denn er ist ein veritables Nachttier, das erst in der Dunkelheit aus seiner unterirdischen Wohnung humpelt, um sich genügsam von einem harten, binsenartigen Grase zu ernähren oder Wurzeln zu verspeisen, die er sich durch kraftvolles Graben erwirbt.“
„Schade, daß jetzt heller Tag ist,“ äußerte Hans, „einen Wombat hätte ich gern geschossen.“
„Zumal er einen delikaten Braten abgibt,“ sagte der Führer. „Nun, wenn er nicht gutwillig kommt, so wenden wir Gewalt an. Seine Wohnung wird zwei Ausgänge haben und wenn wir in den einen Feuer hineinlegen, so treibt der Rauch ihn zum andern heraus vor die Gewehre.“
Der zweite Ausgang wurde nach einigem Suchen entdeckt und hierher postierten sich die beiden Knaben sowie Holm, mit den Flinten im Anschlag. Rua-Roa und der Doktor bewachten den zuerst gefundenen Ausgang, in dem der Führer trockenes Holz aufschichtete, das er anzündete. „Nun wollen wir den Schläfer dort unten räuchern!“ rief er und legte eine Hand voll grünen Grases in die Flamme. Ein fürchterlicher Qualm entwickelte sich.
„Ich höre etwas schnauben,“ flüsterte Hans.
Alle waren gespannt aufmerksam. — Da kam etwas in dem zweiten Ausgange der Höhle hervor. Ein dicker Kopf mit kurzen Ohren zeigte sich und ein unhöflicher, schlaftrunkener Geselle kroch langsam, mit blinzelnden Augen hervor. Ein wohlgezielter Schuß tötete den Wombat, welcher von dem Rauche aus seiner gemütlichen Wohnung vertrieben war.
„Ein Prachtkerl,“ frohlockte der Führer, „mindestens seine sechzig Pfund schwer; der soll uns schmecken!“ Der Führer weidete das Wildbret kunstgerecht aus, schnürte seine Beine zusammen und warf es wie eine Tasche um den Nacken. „Nun vorwärts,“ rief er, „damit wir zur rechten Zeit das Lager erreichen!“
Alle gingen auf diesen Vorschlag ein, und mit neuem Mute durchzogen sie die Gegend, welche sich immer schöner gestaltete. Es wurde wärmer und wärmer, endlich drückend heiß und in dem Dorfe an der Küste wieder ganz tropisch, wie in den früher bereisten Gegenden. Die kleine Karawane zog über öde Basalt- und Lavafelder, an den Ufern großer Ströme dahin, vorbei an Seen mit Rohr und Schilf wie daheim in Deutschland, mit weißen und blauen Wasserrosen und schwarzen, purpurschnabeligen Schwänen; sie sah zahlreiche heiße Quellen und thätige Vulkane und atmete auf, als das Erscheinen der Eisvögel den Strand verriet. Diese Reise durch so weite, menschenleere Strecken, ohne Fleischnahrung, in dem zwischen nächtlicher Kälte und drückender Tageshitze schwankenden Klima war keine leichte und keine sehr unterhaltende gewesen. Alle erklärten einstimmig Australien für das wenigst interessante Gebiet, welches sie bisher betreten. Und nun stand noch der Südpol bevor!
In den Flüssen an der Küste begegnete ihnen ein alter Bekannter, die Schildkröte; auf den Klippen saß der große Eisvogel, Papageien zeigten sich in großer Anzahl; schwarze Gestalten erschienen, Blätterdächer tauchten auf und Boote schwammen über die krausen Wellen des Meeres dahin. Dieser Stamm hatte augenscheinlich oft weiße Menschen gesehen; die Reisenden wurden ohne Erstaunen, aber mißtrauisch aufgenommen, man schien von ihnen eher Böses als Gutes zu erwarten.
Für Geld erlaubte es der Häuptling, daß die Weißen eine Hütte aus Bambus und Palmblättern bezogen; man band die Pferde an lange Leinen und ließ sie das üppige Gras abweiden, während sich ihre Herren nach Möglichkeit mit den Schwarzen zu verständigen suchten. Der männliche Teil des Fischervölkchens trug gar keine Kleider, die Frauen dagegen zeigten sich im Schmuck des Grasgürtels und verschiedener, sehr hübsch gearbeiteter Zieraten aus Muscheln und Schildkrötenschalen. Sie hatten auch hier wulstige Lippen, magere Arme und die abschreckende Gewohnheit des Bemalens, zu der noch das Einreiben ihrer ganzen Personen mit entsetzlich stinkendem Thran kam. Das Dorf war gewissermaßen in zwei Teile geteilt; unten am Strande wohnte ein kräftigerer Menschenschlag, dessen Angehörige Fischerei betrieben und selbst Boote zimmerten; weiter hinauf dagegen lebten Geschöpfe, deren bloßer Anblick Erbarmen einflößen konnte. Abgezehrt wie Skelette, gelbgrau von Farbe und mit trommelartig aufgetriebenem Leibe, wohnten diese Jammergestalten, deren es übrigens nur wenige zu geben schien, für sich allein im Gebüsch oder in schlechten, ruinenartigen Hütten, einer einzigen Leidenschaft frönend, wie etwa der Trinker dem Genusse des Branntweins, — der des Erdessens.