Man findet diese unselige Gewohnheit, außer an einigen Punkten Südamerikas, nur bei den Australnegern, obgleich auch dort selten. Die Erdesser werden vom Stamm als gewissermaßen unrein ausgestoßen, sie gehen alle dem frühen Tode mit Sicherheit entgegen und sind schwach und elend, oft kaum im stande, sich aufrecht zu erhalten; aber von ihrer schrecklichen, so ganz unbegreiflichen Leidenschaft lassen sie nicht, sondern sterben, wenn ihnen der Genuß einer gelben fettigen Erdart entzogen wird; jede andere Nahrung weisen sie mit Abscheu zurück.
Holm nahm eine Quantität der Erde mit, um dieselbe später einer genauern Prüfung zu unterwerfen.
„Wir werden unter dem Mikroskop finden,“ sagte er, „daß diese Erde reich an Diatomeen ist, von denen wir bereits einige Arten kennen gelernt haben. Es finden sich an vielen Gegenden der Erde große Anhäufungen von Diatomeenpanzern, die der weißen, staubartigen Beschaffenheit wegen Bergmehllager genannt werden. In Lappland und dem nördlichen Schweden, wo der kurze Sommer das Getreide nur spärlich reifen läßt, mischt der leichtbefriedigte Nordländer das leckere Bergmehl dem spärlichen Brotteige zu, um eine größere Quantität des kostbaren Nahrungsmittels, des Brotes, zu erzielen. Obgleich die Kieselpanzer nur wenig Nährstoff besitzen, werden dennoch ungeheure Mengen derselben verzehrt; von dem Bergmehl von Lollhapysön werden alljährlich viele Wagenladungen in der angegebenen Weise verspeist. In Nordasien und Südamerika leben ganze Völkerschaften, welche ebenso wie diese Australier feine Erdarten genießen und sogar als Leckerbissen schätzen. Auch in diesen Erden finden sich unzählige Diatomeen, denen möglicherweise noch eine Spur nahrungsspendender organischer Substanz anhängen mag, die eine Erklärung der wenig einladenden Geschmacksrichtung zuläßt.“
Die Erdesser verkrochen sich vor dem Blick der Weißen; diese Unglücklichen glichen häufig lebenden Leichen und boten mit ihrer Ungestalt einen äußerst abschreckenden Anblick. Während sie über den aufgetriebenen Leib nicht hinwegzusehen vermochten, waren ihre übrigen Körperteile bis auf die Knochen abgemagert.
Die Wilden ernährten sich hier von Fischen, Muscheln und Schildkröteneiern. Vor jeder Hütte war in die Erde ein Loch gegraben; zuerst kam das Holz hinein und, wenn dieses brannte, mehrere flache Steine, die nach ihrer Erhitzung als Pfanne dienten. Die Eier wurden sofort darauf gar, und der Fisch geriet wenigstens in einen Zustand, welcher ihn halb verbrannt, halb geröstet einigermaßen genießbar machte. Auch Kokosnüsse, Brotfrüchte und Taro wurden auf diesen Steinen zu einer harten, brotartigen Masse gebacken. In dem ganzen, an genießbaren Pflanzen so armen Australien schien dies Gebiet das ärmste; es fanden sich hier selbst nicht einmal jene Beerenfrüchte, die in den Wäldern zuweilen als angenehme Erfrischung gedient hatten.
Ihre Fische fingen die Männer, indem sie dieselben vom Boot oder vom Strande aus mit langen Spießen geschickt stachen; außerdem tauchten sie auch wie die Enten und brachten vom Grunde Muscheln in Fülle mit herauf.
Gleich während der ersten Stunden bemerkten die Weißen, daß unter diesem Stamm wieder einmal wie bei den Alfuren ein bedeutend entwickelter Hang zum Diebstahl vorhanden war; sie schossen daher mehrere Eisvögel, kauften einige noch nicht gesehene Schaltiere und beschlossen dann, der Pferde wegen noch vor Nacht wieder abzureisen. Wenn ihnen durch einen Handstreich die Reittiere genommen wurden, so waren sie in dem Lande, das keine Jagd und fast keine wildwachsenden Früchte bot, dem Hungertode preisgegeben. Einer erzählte ohnehin dem anderen, daß er täglich seine Kleider enger einschnüren müsse.
Die Führer hielten Wache und verscheuchten bei dieser Gelegenheit mehr als einmal die Wilden, welche nicht umhin konnten, sich schleichend mit lüsternen Blicken den aufgestellten Gewehren zu nähern; man hielt es aber auch nicht für klug, eine offene Fehde heraufzubeschwören, vielmehr versuchte Mr. Thompson, der Dolmetscher, durch einen Vergleich die Frage allseitig befriedigend zu lösen. „Komm einmal her, Kamerad,“ redete er den schlangengleich durch das Gebüsch kriechenden Schwarzen im ruhigsten Tone an, „wie heißt du, Alter?“
Der Wilde erschrak zwar, aber er gehorchte doch dem Rufe. „Heu-Heu, Master,“ versetzte er etwas unsicher. „Was willst du von dem schwarzen Manne?“
Thompson bot ihm mittels einer Handbewegung neben sich auf der Wolldecke Platz. „Du sollst mir einen Rat geben, mein lieber Heu-Heu,“ fuhr er fort. „Wie weit ist es von deinem Dorfe bis zur nächsten Niederlassung weißer Menschen? — oder wohnen hier herum keine?“