Als Heu-Heu an der Spitze der Reiterschar zum Dorfe hinauswanderte, wechselte er mit dem vom Meer herübersehenden Häuptling einen Blick, der den Führern nicht entging. Thompson und die übrigen bedeuteten sich schweigend. Der Wilde hatte gesagt: „Paß auf!“ und der Häuptling geantwortet: „Es bleibt dabei!“ —
„Die Kerle ziehen uns nach, es ist gar kein Zweifel,“ raunte der Dolmetscher.
„Verdammt sollen sie sein. Wir werden ihnen einen heißen Empfang bereiten.“
„Pst! — die Fremden erfahren das früh genug, wenn’s erst einmal so weit ist.“
Im schönsten Sonnenschein ritt die kleine Gesellschaft über den Kies dahin, wurde aber sehr bald durch einen seltsamen Anblick so gefesselt, daß der schwarze Führer stillstehen und Erklärungen geben mußte. Aus dem Schoße eines rieselnden, fußtiefen Sandbodens herauf ragten in langen Reihen die Kiele halbversenkter Boote, deren vorderer Teil mit der offenen Seite nach unten auf dem Sande lag, während der hintere von diesem ganz bedeckt war. Der unbeschützte, von keiner Einfriedigung umgebene Raum bildete den Gottesacker des Stammes; wo ein Mann begraben lag, da hatten ihm die Überlebenden sein Boot, sein einziges irdisches Besitztum als Erinnerungszeichen mitgegeben; wo aber eine Frau die letzte Ruhestätte gefunden, da ragte aus dem Boden die Hälfte des Weidenkorbes, in dem sie Eier und Brotfrucht gesammelt.
So einförmig, so schmucklos und öde dieser Kirchhof den Blicken der Europäer auch erschien, einen so guten, versöhnlichen Eindruck brachte er dennoch bei allen hervor. Wie viel würdiger war es, die Toten der Mutter Erde zurückzugeben und ihre Gräber durch das Erinnerungszeichen vor Entweihung zu schützen, als sie auf Bäumen den Sonnenstrahlen und den Raubvögeln zu überlassen, bis endlich ein Sturmwind die letzten Überreste auf den Erdboden und damit den Lebenden unter die Füße warf. —
Die jungen Leute stiegen von ihren Pferden, um diesen seltsamen Friedhof auf hoher Sanddüne am Meer nach allen Richtungen zu durchwandern; auch der Doktor und Heu-Heu hatten sich ihnen zugesellt, während die Führer bei den Tieren Wache hielten.
Der Schwarze deutete auf eine vorspringende Klippe am höchsten Punkt des ganzen Raumes; seine unverständlichen Reden schienen den Fremden ein besonderes Schauspiel zu verheißen. Ziemlich neugierig näherten sie sich dem Winkel, wo in einer Art von Vertiefung unter überhängendem Dache wirklich ein Anblick, wie sie ihn am wenigsten erwartet, ihrer harrte. In der natürlichen Nische stand ein grobgezimmertes, unbemaltes Kreuz mit der Inschrift: „John Mulgrave,“ darunter die Worte: „Christus ist mein Leben und Sterben ist mein Gewinn.“
Es war jedenfalls ein Missionar, der hier schlummerte, das sahen alle; der Schwarze schien auch die Einzelheiten des Falles zu kennen, wenigstens redete er immer fort; aber erst als Thompson hinzukam und vermittelte, konnten ihn die übrigen verstehen. Mr. Mulgrave hatte lange Jahre unter den Wilden gelebt und war von ihnen hoch verehrt worden, weil er nur Gutes stiftete und allen Leuten nützliche Kenntnisse beibrachte. „Die kleinen Kinder begoß er mit ein paar Tropfen Wasser,“ erzählte Heu-Heu, „und dann wußte er auch viel Schönes von einem Manne, den er gekannt, der ein großes Haus besitze, in welchem sie dereinst nach ihrem Tode sämtlich wohnen würden, Häuptlinge und Sklaven, Weiße und Schwarze, und wo auch der große Weltgeist seinen Sitz habe. In diesem Lande gibt es nicht Hunger noch Durst, die Ara-Punga sind keine Feinde, und Brotbäume wachsen auf allen Wegen.“
Keiner der Weißen fand im Augenblick Worte diesen rührenden Auseinandersetzungen gegenüber. Wie hatte der verbannte, auf den unfruchtbaren, verödeten Küstenstrich vom Schicksal verschlagene Mann so treulich gestrebt, innerhalb des Gedankenkreises seiner Schüler das Christentum zu erwecken, wie schwer und mühevoll war sein Los gewesen!