„Sagte ich’s nicht, ihr Kleingläubigen,“ lächelte der Doktor. „Kommt und schlaft, ich begann schon in Träume zu verfallen, — es ist weich und bequem hier auf dem Sande.“

Er schlief den Schlaf äußerster Ermattung, indes die jüngeren Leute wachten und sich leise flüsternd unterhielten. Es mußte von hier jedenfalls einen Weg zum jenseitigen Ufer geben, vielleicht sogar direkt in Booten, die auf dem Meere lagen. Hunderte von Hoffnungen und Vermutungen durchzogen die Seelen der eben noch Niedergedrückten; sie hörten jetzt auch Hundegebell und sahen den Feuerschein gerade vor sich emporsteigen. Danach konnte der Meeresarm nur sehr schmal sein; — wenn sich der Landweg zu weit zeigte, erhielten die Bewohner des Städtchens unschwer ein Zeichen ihrer bedrängten Stammesgenossen; schon von den ersten Morgenstunden durfte man mit Recht Erlösung aus dieser qualvollen Verlassenheit erwarten. Niemand dachte an Schlaf, nur die Pferde lagen und träumten, gewiß von gefüllten Eimern, denn sie vollführten mit geschlossenen Augen die Bewegung des Saufens.

„Zuerst nehme ich ein Bad,“ meinte Hans, „aber nicht im Meer, sondern im süßen Wasser. Alles, was ich denke, ist Flüssigkeit, alles, was ich ersehne, träufelt. Der Platz unter dem Strahl jener Feuerspritzen scheint mir im Augenblick als der beneidenswerteste auf Erden.“

„Ja, eine Douche,“ nickte auch Holm. „Gebückt sitzen und es immer über sich herabregnen lassen, das wäre schön. — Wie mir der Gaumen brennt!“

„Meine Haut löst sich ab,“ fügte Franz hinzu. „Damals in der Gefangenschaft bei den Kaffern hatten wir Wein und Branntwein, wir konnten Gras und Blätter kauen, aber hier gibt es nur Sand und das entsetzliche Anschlagen der Wellen. An diese Nacht werde ich denken, so lange ich lebe.“

„Es muß nun sehr bald Tag sein,“ tröstete einer der Führer. „Noch eine Stunde, dann ist wenigstens dies traurige Dunkel gelichtet.“

„Aber solche Stunden sind elastisch, sie dehnen sich so furchtbar!“ versetzte Franz.

Die übrigen lachten; so gut als es eben ging, half man sich über die zögernden, widerstrebenden Minuten hinweg, und als endlich nach langer Geduldsprobe das goldene Tagesgestirn am Himmel seine ersten Strahlen entsandte, da wurde es mit Jubel und unsäglicher Dankbarkeit begrüßt. Jeder neue Sonnenblick enthüllte neue Schätze. Drüben hinter dem Meeresarm lag ein Städtchen mit roten Ziegeldächern und einem bescheidenen, kleinen Kirchturm in der Mitte, ein ganz winziges, unbedeutendes Städtchen von wenigen hundert, zum Teil nur hölzernen, zum Teil strohgedeckten Häusern, mit friedlichen Gärten und wallenden Kornfeldern, mit Schafherden, die rings an den Abhängen das magere Dünengras weideten, und mit einer ländlichen, einfachen Bevölkerung. Aber doch, so dörflich, so anspruchslos das ganze Bild sich zeigte, so innig entzückte es die Herzen der Beschauer. In vielen dieser Gärten, namentlich wo sie an das Meer herantraten, wehte vom hohen Flaggenstock die deutsche Flagge, auch das wunderliche Türmchen ohne Stil oder architektonische Schönheit zeigte am goldenen Knauf das Schwarz-Weiß-Rot der Heimat, neben dem die Flagge des Einzelstaates dem deutschen Herzen unbedeutend erscheint, das in der Ferne den Wanderer, wo er es findet, wie freundliches Grüßen berührt, das in sich, in seiner Vereinigung alles birgt, was deutsch heißt, gleichviel ob dem Süden oder Norden des großen Vaterlandes entstammt.

„Auf! Auf!“ rief Franz, den Strohhut schwenkend, „da werden auch Hamburger wohnen.“

„Hurra!“ tönte es aus geringer Entfernung, „hurra! ich habe Wasser gefunden!“