„Damit aber die schönen Wärmemittel nicht umkommen,“ rief Holm, „der herrliche Arrak und die treffliche Zitrone, die uns eure gute Mama für den Südpol geschickt hat, soll uns auch die warme Zone nicht hindern, einen herzhaften Punsch zu brauen. Ihr wißt ja: vier Elemente innig gesellt ...“

Und so geschah es. Das erste Glas galt dem Südpol, vor dem man glücklich bewahrt geblieben war.

Vierzehntes Kapitel.

Der Dampfer durchschnitt die blauen Fluten des Großen Ozeans. Nach herrlicher Fahrt durch das Korallenmeer, südlich um Neukaledonien herum, näherte man sich, quer die Gazelletiefe durchschneidend, dem nächsten Ziele, als welches die Tongainseln ausersehen waren. Die altgewohnten Bilder südlich-tropischer Prachtfülle luden wieder alle Sinne zum Genuß. Hier ragten aus dem Meere die sogenannten Atolls, die schmalen, unbewohnten, meist bogenförmigen Koralleninseln, auf denen schlanke Palmen ihre Kronen wiegten, wo große, schöne Seevögel nisteten und ein reiches, üppiges Grün das Auge des Beschauers entzückte; dort dehnte sich das Gestade eines kleinen, waldigen Inselchens, auf dessen Rund die Forscher nur wenige Pflanzen und Insekten, aber keine menschliche Wohnung fanden, — überall glänzte Schönheit und höchste Vollentfaltung der Natur. Auch das Meer selbst zeigte neue Gestalten. In zahlreicher Fülle umschwamm das Schiff eine Quallenart, wie sie bisher noch nicht erschienen war, eine Familie von Einzelwesen, die jedoch zusammen ein geschlossenes Ganzes bildeten, und bei deren Anblick die Reisenden nur verdroß, daß auch dies farbenschöne Geschöpf nicht eingefangen und mitgenommen werden konnte.

An einer zarten, milchweißen Schwimmblase hingen mehr als fünfhundert kleine, weiße Glöckchen, die immerfort auf- und zuklappten und dadurch das sonderbare Wesen über Wasser erhielten. Sie glichen durchsichtigen klaren Tröpfchen, deren Reiz nur übertroffen wurde durch den des roten gewellten Stieles, des eigentlichen mit Saugapparaten versehenen Nährpolypen, von dessen Rund je eine rosige Kapsel das abwärts geneigte Tröpfchen wie ein Dach überschattete, der fadenartig dünn auslief und gegen das Ende hin weniger und immer weniger kleine Glöckchen trug. Das Ganze glich einer riesigen, aus den zartesten weißen Perlen zusammengesetzten Traube, es lag in der obersten Wasserschicht wie das Geschmeide einer Kaiserin, würdig, im Fürstensaale zu prangen, das Kunstvollste, Reizendste, was auf dem ganzen weiten Gebiet der schaffenden Natur den Forschern begegnet war — und doch in Wirklichkeit nur klebriger Schleim. Holm versuchte nicht, es einzufangen, ebensowenig die hier im großen Ozean schwimmenden, gleich einem wandernden Blumenbeet dahinsegelnden Seerosen, deren bunte Farben das Schiff umgaukelten, während sie in allen übrigen Meeren nur festsitzend auf dem Grunde angetroffen waren; er machte noch einige Züge mit der den Orang-Badju so mühsam abgetrotzten, unterseeischen Laterne; aber die Hauptaufmerksamkeit galt hier doch den Inseln, nicht dem Meeresgrunde, dessen Bewohner in seinen Sammlungen, so weit möglich, schon alle vertreten waren.

An den Tongainseln warf das Schiff zum erstenmale nach langer, schöner Reise wieder seine Anker aus, natürlich nicht in einem Hafen, sondern wo gerade der überall flache, langgestreckte Strand die Landung gestattete. Daß es nicht ratsam sei, hier unter den Wildesten aller Wilden, wo selbst noch Menschenfresser gefunden werden, weite Landreisen zu machen, wußten die jungen Leute, aber zu zwanzig Mann das Ufer betreten, wohlbewaffnet und wohlversehen mit allerlei Geschenken, das ging doch an. Sie nahmen alte Kleider, Lebensmittel, ein paar Säbel und Dolche sowie etwas bunten Kattun; dann wurde das nächste Dorf aufgesucht. Am Strande fischten langbeinige Reiher und große kornblumblaue Eisvögel; in allen Zweigen lebte und wogte es von den schönsten Papageien und Singvögeln, bunte Schmetterlinge segelten durch die Luft, Bienen flogen summend umher, und Käfer krochen am Boden; nur Säugetiere sahen die Reisenden nicht; auch selbst die kleinsten Arten fehlten.

Große, schöne Menschen, hellfarbig mit schwarzen, klugen Augen und langem, schwarzen, durch Kalk an den Spitzen gelb gefärbten Haar kamen aus den Gebüschen hervor und besahen neugierig wie harmlose Kinder die fremden weißen Menschen. Ihre Hütten waren die bekannten Pfahlbauten, welche Bienenkörben gleich hart neben einander im Kreise standen, und wo sich nach australischer Weise der Herd in einem Erdloch mitten in der Wohnung befand; sie zeigten teilweise hübsche, geflochtene Matten, einige Körbe, Waffen und Schmuckgegenstände aus Korallen, im ganzen aber blickte doch die Trägheit und Armut der Bewohner überall durch. Trotz des gesegneten Klimas und des überaus fruchtbaren Bodens war nirgend eine Spur von Landwirtschaft aufzufinden; vielmehr lebten die Leutchen von dem, was der Himmel freiwillig spendete, und wenn ja zuweilen irgend eine Mühe aufgewendet wurde, so war es die, den Meerwurm einzufangen und das widerwärtige Gericht auf heißen Steinen zu rösten.

Die ganze Insel erschien wie ein einziger, großer, schöner Garten, zum Teil Park mit hohen, alten Bäumen, zum Teil flaches Land, auf dem nur die Tierwelt fehlte, um es zum Paradies zu gestalten. Tauben in den seltsamsten Farben, weiß mit violettem Kopf oder weiß mit rosenroter und grüner Brust, bevölkerten die Bananenbäume, deren Früchte sie naschten; Zwergloris, ganz kleine, purpurne und grüne Papageien, zerfaserten die Nüsse der Kokospalme, blaue und weiße Winden krochen an allen Stämmen hinauf, die Sandelholzbäume boten kostbaren Wohlgeruch, und Baumwollenstauden erhoben überall die kapselartigen Häupter.

Es war nicht möglich, sich mit den Wilden zu verständigen, aber dennoch schienen sie den Begriff des Tauschhandels recht gut zu kennen, so daß für die Sachen, welche unsere Freunde mitgebracht hatten, ganze Massen frischer Früchte an Bord kamen. Auch Wasser wurde eingenommen, und nachdem das Dorf besehen, die hauptsächlichsten Vogelarten erlegt und ein paar Zweige des Sandelholzbaumes mitgenommen waren, luden unsere Freunde die schönen, zutraulichen Menschen ein, nun ihrerseits das Schiff zu betrachten. Eine Menge Kähne, lauter sogenannte Einbäume, lagen am Strande, und auf ihnen ruderten die Polynesier heran, Männer und Frauen, Kinder und Erwachsene, sämtlich nackt bis auf den Grasgürtel; sie untersuchten jedes Stück, schwatzten unter einander ohne Aufhören und verlangten wie Kinder alles, was ihnen gefiel. Nur vor Büchern zeigten sie entsetzliche Furcht. Keine Überredung kein Lockmittel konnte sie bewegen, irgend einen Band mit ihren Händen zu berühren, ja, wenn die Weißen den Deckel zurückschlugen und so das Gedruckte ans Tageslicht kam, dann flohen sie bis an das entgegengesetzte Ende des Schiffes und zuweilen sogar ohne weiteres köpflings ins Wasser. Es machte sich bei ihnen die ganze Natürlichkeit des wilden Zustandes geltend, dennoch aber mußten sie von weißen Eroberern schon gehört haben, mußten wissen, daß Bücher für allerlei einengende und unbequeme Zwecke ihnen gegenüber das Mittel waren, daß sie gefährliche Zaubereien enthielten und der gefürchteten Rasse als Waffen dienten.

Erst die hereinbrechende Nacht zwang die Leutchen, in ihren steuerlosen Kähnen, deren jeder einen Zwillingsbruder von ganz gleicher Gestalt, nur unausgehöhlt, wohlbefestigt neben sich führte, ans Land zurückzukehren; das Schiff dagegen blieb liegen, um vor Antritt der Weiterreise an gesicherter Stelle auch das nächtliche Naturleben dieser Breiten kennen zu lernen.