Vom nahen Ufer herüber rauschten die Baumkronen, helle Tropennacht lag auf der leise rollenden See, und hier und da regten sich die Geschöpfe des Strandes oder der Tiefe. Schildkröten watschelten schwerfällig auf dem Kies, große fischende Reiher und Möwen strichen hart über der Oberfläche des Wassers dahin, und durch die Luft huschten graue, häßliche Vampire, sogar das Schiff streifend, lautlos mit faltigen, niedrigen Flügeln und scharfen Krallen. Unzählige kleine Quallen, die Noktiluken und Salpen verbreiteten, in gewundenen Zügen schwimmend, das schöne demantartige Meerleuchten, Fische tauchten auf, und flatternde Nachtvögel jagten einander in den Zweigen. Als die Morgenröte am Himmel emporstieg, hatte sich das ganze Meer mit kleinen, dünnen Würmern wie mit einer erdgrauen Schicht völlig bedeckt; vom Lande stießen eine Menge Boote, in denen die Eingebornen mit großen Körben saßen und geschickt in einer Art Netz die unappetitliche Speise einfingen. Das Wort „Palolo“ ging von Mund zu Mund, und sobald ein Korb gefüllt war, trugen ihn die Frauen in das Dorf, um den Inhalt auf heißen Steinen zu rösten.

Dieser Palolofang schien ein besonderes Fest; wahrscheinlich zeigte sich der Wurm nur selten, weshalb auch die Frauen ihr Haar mit Palmöl, Sandelholz und Blumen geschmückt hatten, während die Kinder durch Tanzen und Jubeln ihre Freude zu erkennen gaben. Einige der schönen, hellfarbigen Gestalten kamen auch an Deck, um die schreckliche Speise anzubieten, und wurden reich beschenkt mit bestem Dank wieder entlassen, indes Hühner und Affen den Wurm eilfertig verzehrten, die Menschen dagegen schaudernd den sonderbar fettig und brenzlich duftenden Pudding von sich wiesen.

Das Schiff lichtete seine Anker und steuerte den Fidschiinseln zu. Von diesen sollte es, da fast alle verschiedenen Gruppen einander im hauptsächlichsten gleichen, nur noch dem eigentlichen Ziele, den Samoainseln, einen Besuch abstatten und dann die Heimreise antreten. „Von den drei größeren Unterscheidungsformen der ozeanischen Völkerschaften, den Melanesiern, Polynesiern und Mikronesiern, sind nur die Polynesier für uns noch neu,“ hatte Holm gesagt, „die beiden andern dagegen nähern sich der schwarzen genugsam bekannten Rasse, sind — namentlich in Neuirland, Neuhannover und den Neuhebriden — falsch und diebisch, wogegen die Mikronesier ganz in der Unkultur und Armut der Negervölker dahinleben; wir wollen deshalb ihren Inseln keine weitere Aufmerksamkeit zuwenden, sondern, lieber den berüchtigten Fidschianern unsere Visite machen: in Samoa ist dann der Aufenthalt ein längerer und eingehenderer.“

Damit waren die übrigen einverstanden, und so dampfte das Schiff durch die heiße, inselreiche See dahin, oft an einzelnen Klippen, oft an blühenden Ufern vorüber, so recht in dem vulkanischsten, den meisten und bedeutendsten Erdbeben ausgesetzten Teile unserer Erde, immer zwischen Korallenfelsen, zwischen den Häuptern rauchender Krater und ganzer Züge erloschener, ehemals feuerspeiender Berge, aus deren brodelndem Inneren sich dereinst vor Jahrhunderten die heute so blühende Insel herausgehoben hatte. Fast alle waren sie von Korallenriffen umgeben, fast alle von einer Menge kleinerer Inselchen und vorspringender Klippen wie von einem grünen Gürtel eingeschlossen; zuweilen glitt das Schiff langsam am Ufer dahin, so nahe, daß die nackten Gestalten der Bewohner deutlich erschienen, oder daß weiße, nach europäischem Muster aufgeputzte Gebäude durch das Grün der Bäume hervorschimmerten, jedesmal ein Anblick, den die gesamte Mannschaft durch lautes Hurra begrüßte.

„Morgen laufen wir in Viti-Levu ein,“ sagte nach dreiwöchentlicher Reise der Kapitän. „Ich hoffe es wenigstens!“ —

Holm sah ihn an. „Wenn es nicht heute noch einen Orkan gibt, gelt?“ fragte er. „Himmel und Wasser haben eine eigentümliche Beleuchtung, — mich deucht, das Meer ist unruhig, obgleich man doch keinen Wind verspürt.“

Der Kapitän antwortete ausweichend. Eine der Fidschiinseln, eine kleine, namenlose, mit hohem, rauchendem Vulkan lag zur Rechten des Schiffes und vor ihr mehrere grüne mit Palmen bestandene Erdfleckchen, mehrere vulkanische, wildzerrissene Klippen — auf diese richtete er sein Augenmerk. Plötzlich deutete er zu dem Krater der Hauptinsel hinüber. „Da haben wir es, ich dachte mir’s bereits!“

Ein rollender, knatternder Ton erfüllte die Luft, eine hohe Feuersäule schlug gen Himmel, und Ströme gelber, glühender Lava flossen nach allen Richtungen am Berg hinunter in die Tiefe. Große Steine wurden hoch emporgeworfen und fielen donnernd wieder hinab in den entsetzlichen Schlund, die ganze Umgebung war in Rauch und Asche gehüllt. Auf dem Schiff standen sämtliche Reisende und betrachteten das herrliche Schauspiel, dem sich jetzt vom Himmel herab ein Gewitter mit blendenden, zuckenden Blitzen zugesellte. Da plötzlich begann die Unruhe, welche das Wasser schon seit Stunden beherrscht, in förmliches Toben überzugehen. Wie im stärksten Sturm hoben sich unter vollkommenster Windstille die Wellen; auf der Oberfläche erschienen Blasen; das Schiff wurde wie von unsichtbaren Händen geschüttelt, so daß jeder der Männer, um nicht zu fallen, nach irgend einem festen Gegenstand griff, und dann, als das Murren und Grollen, das Zischen und Donnern seinen Höhepunkt erreicht, dann geschah etwas, dessen Anblick den Weißen wie ein Zauberkunststück vorkam, das ja unmöglich Wahrheit sein konnte.

Die kleinen Inselchen mit ihren Palmen und Bananen, die Klippen von sonderbarer phantastischer, fast einem Riesenvogel gleichender Form — sie alle schienen zu schwanken, sich zu neigen, die vorderste Klippe drehte sich sogar um ihre eigene Axe — unmöglich, unmöglich, das konnte nicht sein, das war ein Blendwerk. — —

Aber da rauschte es auf, hundertfältiger Donner zerriß den Schoß des Meeres, mitten aus der Klippe fuhr ein Flammenstrahl, betäubend brüllten die Wogen, ganze Berge türmend, ungeheure Wassermassen, die das Schiff wie einen Kreisel drehten, die spritzend, kochendheiß, von Dampf und Funken umflogen, bis über die Schornsteine hinauf ihren Tropfenregen entsandten und überall, wohin sie trafen, die Haut der Männer empfindlich verbrannten. Ein Schrei brach von den Lippen der Beherztesten, mehrere waren von dem Stoß zu Boden geworfen worden, alle lähmte Schreck und Verwirrung. Als aber einige Besinnung zurückgekehrt, und sie wieder hinaus sahen auf den Ort der gespenstigen Katastrophe, da war von den schwankenden Inselchen, von der brennenden, in helle Gluten getauchten Klippe nichts mehr zu entdecken; die Tiefe hatte sie für immer verschlungen; nur große Stücke Schlacken und eine Unmasse grauer und gelber Asche trieben auf den stiller werdenden Wellen, daneben aber auch tote, buchstäblich gekochte Fische, Würmer, Schnecken und Muscheln in großer Anzahl. Binnen wenigen Augenblicken war die ganze Oberfläche des Meeres davon bedeckt; Krebse im schönsten Todesrot, alle Arten eßbarer Flossenträger, Tintenfische, selbst ein Hai, dazu kleine Schildkröten und Muscheln, so trieb es, emporgeworfen von den unterirdischen, den Boden des Ozeans aufwühlenden Gluten, leblos neben einander, während drüben die Ausbrüche des Vulkans fortdauerten und aus den Wolken Blitz auf Blitz herabzuckte.