Ein wahrer Wolkenbruch endete nach einer halben Stunde das furchtbare Naturschauspiel, dem die Reisenden mit ebensoviel Anteil als Grauen beigewohnt hatten und das von seiten der wilden Bewohner jener größeren Insel noch einen höchst unerwarteten Schlußakt erhielt. Die Doppelkähne setzten sich in Bewegung, die braunen, schöngeschnitzten Ruder aus Eisenholz wurden eingelegt und große Weidenkörbe mit den toten Fischen angefüllt. Ohne von den Weißen Notiz zu nehmen, ohne sich Zeit zum Auflesen zu gönnen, fielen die Eingebornen sogleich über ihren Fang her und vertilgten die unheimliche Speise mit Haut und Gedärmen da, wo sie dieselbe aufgriffen. Ohne Zweifel litt also die Insel, wie dies gerade in der heißen Zone so oft vorkommt, an Hungersnot; die Trägheit ihrer Bewohner ließ keine Feldarbeit aufkommen; da wo die Ernte eine zehnfache sein konnte, wurde kein Acker gebaut, kein Fruchtgarten gehalten; — die Menschen fielen wie Hyänen über tote, ekle Körper her, um nur den nagendsten Hunger zu stillen.
Ein paar Säcke Mehl wurden verteilt; dann nahm der Dampfer seinen Weg wieder auf. Das Gewitter hatte nachgelassen; eine angenehme Kühle folgte der furchtbaren Hitze, die See ging ruhig wie zuvor. Früh am folgenden Morgen, als die ganze Gesellschaft, noch das erstaunliche Erlebnis des letzten Tages besprechend, ergänzend und berichtigend beim Frühstück auf dem Verdeck saß, etwa gegen neun Uhr, meldete der Mann am Steuer einen dunkeln Punkt in Sicht. „Ein Schiff ist’s nicht,“ setzte er hinzu, „es fehlen Masten und Takelage.“
Auch der Kapitän sah hin. „Sonderbar, das kann nur ein Wrack sein, denn für ein Boot ist es viel zu groß.“
„Aber wir haben ja gar kein Unwetter, keinen Sturm gehabt! — hm, Steuermann, das müssen wir aus der Nähe besehen.“
Der Alte nickte, die nötigen Befehle wurden gegeben und allmählich schwand der Raum zwischen dem Dampfer und dem treibenden, offenbar herrenlosen Rumpf, dessen Weg die ganze Gesellschaft mit lebhaftem Interesse verfolgte. Als für einen Anruf durch das Sprachrohr die nötige Nähe erreicht worden war, fragte Papa Witt mit lautem Ton nach dem Woher und Wohin; er wiederholte sogar mehrere Male den Zuruf, aber keine Antwort klang von der Stätte der Verwüstung zurück, — auf dem Wrack konnte sich keine lebende Seele mehr befinden.
Jetzt befahl der Kapitän, den Rumpf des unbekannten Schiffes zu entern und ihn behufs Feststellung seiner Verhältnisse einstweilen ins Schlepptau zu nehmen; das geschah auch, die Matrosen zogen mittels langer Haken das Wrack heran, und mehrere von ihnen sprangen an Bord desselben, um den Thatbestand zu untersuchen. Das Schiff, die deutsche Bark „Eintracht“, war offenbar während des gestrigen Gewitters vom Blitz getroffen worden und bis auf das Deck niedergebrannt. Hier mochten die stürzenden Regenfluten dem Verderben Einhalt geboten haben, jedenfalls aber lebte auf den traurigen Überresten des stolzen Baues kein Mensch mehr; die Mannschaft war entweder verbrannt oder ertrunken, vielleicht auch dem Ärgsten entronnen, indem sie rechtzeitig die Flucht ergriff; darüber ließ sich nichts entscheiden. Wo keine Masten, keine Takelage zu entdecken war, da konnte auch kein Boot sein, — möglicherweise trieb es voll hoffnungsloser, verzweifelnder Männer auf offenem Meer, möglicherweise war es verbrannt und die Besatzung mit ihm.
Nachdem die verkohlten Luken geöffnet und die Ladung als Ballast erkannt war, löste man jede Verbindung mit dem Dampfer. Mochte das Wrack, überall angebrannt und total ruiniert, vor Wind und Wellen treiben, bis es irgendwo von den Eingebornen aufgefangen wurde, — da unsere Freunde nie in bekannten Häfen, sondern möglichst immer an irgend einer einsamen Stelle landeten, so konnten sie es nicht mitnehmen; namentlich jetzt nicht, wo sie an der Küste von Viti-Levu für sich selbst eine stille, versteckte Bucht erst suchen mußten.
Hier wohnten die Menschenfresser, es war größte Vorsicht geboten.
Noch vor Abend kam die Insel in Sicht, und am andern Morgen hatte sich auch schon eine Möglichkeit des Anlaufens gefunden. Obwohl das Korallenriff ganz Viti-Levu umgab, so zeigte sich doch hier oder dort eine brandungsfreie Bucht, und in die erste derselben lief der Dampfer ein. Mangroven und dichtes Gebüsch verhinderten den Blick tiefer einzudringen, dennoch aber entdeckten unsere Freunde schon sehr bald etwas ganz Unerwartetes, nämlich ein großes, wohlerhaltenes, keinesfalls aus den Händen der Fidschianer hervorgegangenes Boot, das mittels einer starken Kette am Ufer befestigt lag und außer einigen leeren Trinkgefäßen weiter nichts als die Ruder enthielt. Sobald die Reisenden ihr eigenes Boot ausgesetzt hatten und dem fremden näher kamen, erkannten sie am Steuer den Namen „Eintracht“.
Kapitän und Mannschaft sahen einander an. Schiffbrüchige deutsche Matrosen hatten sich vor der Verheerung durch die Flammen ohne alle Lebensmittel in das Boot gerettet und waren dann vom Hunger getrieben hier an Land gegangen, um womöglich irgend etwas Genießbares aufzufinden; — durfte man die Landsleute schutzlos den Händen der Kannibalen überlassen?