Franz beantwortete die stumme Frage. „Auf, Herr Kapitän, auf! ich bin überzeugt, Sie wollen die ganze Insel durchsuchen, bis diese armen Kerle gefunden sind!“

Der Doktor klopfte ihn auf die Schulter. „Mein warmherziger Junge,“ sagte er freundlich, „wenn keiner mit dir ginge, so thäte ich es. Eine Schande für jeden Mann, der seinen Nächsten feige im Stich läßt!“

Hans und der Malagasche erklärten sich ebenfalls einverstanden, sämtliche jungen Leute suchten schon nach ihren Waffen, nur Holm und der Kapitän zögerten noch. „Das kann eine blutige Geschichte werden,“ meinte bedenklich der letztere, „diese Wilden sind erwiesenermaßen Kannibalen.“

„Vielleicht kommen wir auch bereits zu spät, um die Unglücklichen noch zu retten. Es ist bekannt, daß die Fidschianer alle Schiffbrüchigen verzehren! Wenn auch in den von Weißen bewohnten Küstenstädten, wo das Christentum Boden besitzt, dergleichen vielleicht seit Jahrzehnten nicht mehr geschieht, so ist es doch hier in der vollkommensten Wildnis damit noch ganz wie früher. Die Matrosen von der „Eintracht“ können längst bei einer Kolanfeier verspeist sein.“

Der Doktor schüttelte den Kopf. „Vielleicht aber leben sie noch und bitten den Himmel, ihnen in höchster Not einen Erretter zu schicken,“ versetzte er. „Es ist nicht von ohngefähr, daß wir dem Wrack, und später hier dem Boote begegnen mußten; das behaupte ich, — und nun lassen Sie uns eilen.“

Der Kapitän legte ihm beide Hände auf die Schultern. „Wollen Sie zu Hause in Hamburg die ganze Verantwortung übernehmen, Herr Doktor? Wollen Sie es bei dem Vater vertreten, wenn einem seiner Söhne ein Unglück geschähe?“

„Da wir nicht im Mutwillen, sondern den heiligen Geboten der Menschenliebe folgend handeln, ja, Herr Kapitän! Vor dem Vater und vor Gott will ich vertreten, daß auf mein Zureden die Expedition unternommen wurde.“

Der Kapitän nickte. „Well, dann laßt uns gehen,“ entschied er. „Aber diesmal soll kein einziger fehlen, nur der Maschinenmeister mit zweien seiner Leute mag als unerläßliche Bedeckung an Bord bleiben. Heda, Jungens, wollt ihr die Kameraden von der „Eintracht“ aus den Klauen der Wilden retten helfen? Das hier ist ihr Boot und höchst wahrscheinlich sind sie selbst Gefangene. Ich zwinge keinen; wer nicht mitgehen will, der kann zurückbleiben!“

Ein allgemeines Hurra war die Antwort. Fünfundzwanzig Männer, vom Kopf bis zu den Füßen bewaffnet, schlossen sich der Expedition an, es bildeten sich unter Führung des Kapitäns, des Steuermanns und derjenigen Holms drei Züge, die zunächst vom Boot aus die Spuren ihrer unglücklichen Landsleute aufsuchten, um die Richtung, in welcher sie vordringen wollten, ganz genau festzustellen. Das war freilich keine leichte Aufgabe! Ohne Beistand des Malagaschen wäre sie wahrscheinlich überhaupt nicht gelöst worden. Blumen und Blätter bedeckten das Ufer so dicht, die Pflanzenwelt zeigte so üppige Entfaltung, daß schon Stunden genügen mußten, um in dieser heißen Luft an Stelle des geknickten Halms, der zertretenen Blume eine neue Knospe, neues Grün entstehen zu lassen. Der Malagasche kroch auf Händen und Füßen im Kreise um das Boot herum, bis er die Spur gefunden hatte. „Hier sind die Weißen gegangen,“ behauptete er, „ich sehe die Abdrücke ihrer Schuhnägel in den Yams- und Torablättern; sie haben von diesem Baum Früchte gepflückt und dort eine Kokosnuß zerschlagen. Ach, an den Dornen hängt Blut! Es ist sicher, daß Menschenhände hineingriffen!“

Der junge Hova war in diesem Augenblick ganz Wilder auf dem Kriegspfad. Er ging voran durch die wundervolle, mit verschwenderischer Pracht ausgestattete Schöpfung und fand an hundert kleinen, dem Auge des Weißen unerkennbaren Spuren den Weg, welchen die jedenfalls vergeblich nach Wasser suchenden Matrosen genommen haben mußten; immer tiefer hinein in das Walddunkel marschierte die kleine Schar, deren jeder eine Kugelbüchse, zwei Pistolen und einen tüchtigen Säbel bei sich führte. Alle Arten schöner Vögel, besonders der prächtige Tropikvogel und die großen Papageien, saßen in den Zweigen; Brotfruchtbäume, Bananen auf hohen korbartigen Luftwurzeln, Kokospalmen, Citrusarten und Orangen wiegten im lauen Sommerwind ihre Laubkronen und vereinigten dieselben zu einem förmlichen, alle Sonnenstrahlen abschneidenden Blätterdach, unter denen ein so schwüles Halbdunkel herrschte, daß viele Blumen in grauer Farbe erblüht waren, und alle lebhafteren Farben fehlten.