Der Wilde war aufgesprungen, er ballte die Faust. „Kann ich denn auch fort?“ keuchte er.
„Gewiß!“ riefen alle wie aus einem Munde. „Gewiß kannst du fort. Nie und nirgends ist nach dem Willen Gottes der eine Mensch das Eigentum des andern. Überlasse den elenden Bela seinem Schicksal und gehe mit uns, Allolo, dann bist du ein freier glücklicher Mann, dem der Hunger nie mehr nahe tritt.“
Der Zauberer schlich sich leise an den Gemarterten heran. „Du kennst doch die Zeichen, welche das weiße Volk malt und durch die alle einander verstehen? Willst du ihren schlimmen Künsten geopfert werden? Allolo, besinne dich! Sie nehmen dir deine Kinder weg!“
„Und schicken sie in die Schule!“ rief Johannes. „Meine beiden Buben haben schon ganze Stapel von Schreibebüchern verbraucht und werden täglich klüger dabei. Sie können dir auf der Weltkarte die Insel Upolu ganz genau zeigen, du Schelm, sie lesen alles vom Blatt.“
Allolos Augen blitzten. „Deine Knaben, Johannes? deine Knaben? Und das ist gewiß?“
„Das ist so gewiß, wie ich hier vor euch stehe!“
„Ach — und ihr würdet uns alle mit nach Apia nehmen, du? O ja, ja, ich will auch arbeiten, auch ein Christ und ein freier Mann werden.“
Der Zauberer sah, daß sein Spiel verloren war, er schlich sich heimlich grollend davon und die sechs andern Henkersknechte folgten ihm schweigend, während aus den Reihen der Umstehenden niemand wagte, sich zu ihren Gunsten hineinzumischen. Unsere Freunde bemühten sich, den geängstigten Mann aufzurichten und ihm Mut einzuflößen, ja Franz war so empört, daß er jetzt auch laut den Gedanken an eine Handelsverbindung mit dem Häuptling Tippoo zur Sprache brachte. „Ich möchte mir ebenso viele Segenswünsche erwerben, ebenso Großes erschaffen, wie mein Vater!“ rief er mit glühenden Wangen.
Holm lachte lustig. „Das nenne ich glänzende Erfolge!“ rief er. „Man schickt dich in die Weite, weil dir das Kontor zu dumpfig, das Rechnen zu langweilig ist, aber siehe da! just den Plan einer neuen großartigen Unternehmung bringst du mit nach Hause. Wahrhaftig, das soll allen Ernstes überlegt werden. Vielleicht sind es Feigen oder Zimt, mit denen sich im Innern von Ceylon bei den Baumbewohnern etwas anrichten ließe, jedenfalls aber freut mich dein Gedanke, von dem wir dem braven Tippoo möglichst rasch Mitteilung machen wollen.“
Während dieses zwischen den beiden jungen Leuten geführten Gespräches hatten sich Johannes und Allolo über die nächsten Vorgänge mit einander verständigt; die Zelte sollten nicht hier, sondern neben der Hütte des letzteren aufgeschlagen werden, was wohl im Interesse beider Teile gleich sehr geboten schien. Der Weg war kurz, schon vor Einbruch der Nacht lag das bescheidene Heim des armen Sklaven vor den Blicken der Reisenden, sie sahen sein Weib und seine Kinder, die vor Entzücken jubelten, als ihnen der Vater, wenn auch arg zerschunden, doch lebend und gesund entgegentrat. Nach Herzenslust durften jetzt in der schützenden Nähe der Weißen die armen verkümmerten Geschöpfe ihre eigenen Feldfrüchte pflücken und essen, ja, jeder einzelne der kleinen Schar schenkte ihnen, was sich eben im Augenblick entbehren ließ, Geld, Messer, Tücher und bunte Kleinigkeiten, die wie immer zu diesem Zweck in die Wildnis mitgenommen worden waren. Am lebhaftesten zeigte sich der Malagasche, er hätte wohl gern das Herz aus der Brust weggegeben und noch vor dem Einschlafen suchte er Gelegenheit, mit seinem jugendlichen Vertrauten unter vier Augen zu sprechen. „Franz, mein Bruder, mein Freund, wie lieb habe ich dich! Solche, gerade solche Verhältnisse waren es, aus denen du mich herauszogst! O die armen Sklaven, die Bethörten, den Weißen widerstreben sie und von ihren Landsleuten lassen sie sich langsam morden.“