Franz drückte ihm die Hand. Er war an diesem Abend stumm, aber glücklich. Wie viele arme Seelen hatte das kaufmännische Talent seines Vaters aus unerträglichen Verhältnissen emporgehoben zur Freiheit und zu dem Glücke des Lebens! —
Die Nacht verging ungestört, oder doch ohne Schaden, da Holm das Herannahen eines blutgierigen Vampirs früh genug bemerkte, um die wenig nachbarlichen Absichten desselben mittels einer Gewehrkugel zu durchkreuzen. Neue prächtige Beute für das Museum daheim in Hamburg, ebenso die Schätze, welche sich im Innern der Bambushütte fanden, ein vollkommen hieb- und stichfester Panzer aus Kokosfasern, die Handschuhe mit Haifischzähnen, um den Gegner wie an einem Angelhaken zu fangen und ihm das Rückgrat zu brechen, ferner den Hausgötzen, einen kleinen plumpen wohlgenährten Holzkerl von ganz brauner Farbe, und mehrere hübsche Körbchen. Allolo schenkte alles freiwillig den Weißen, unter deren Schutz dann die ganze kleine Familie so lange reiste, bis sie, mit einem Brief des Führers versehen, unbehelligt die Faktoreien erreichen konnte, während unsere Freunde die Pferde unter Bedeckung im Thale zurückließen und dafür zu Fuß das Gebirge erkletterten. Ihr nächstes Ziel war der Krater Lanuto; siebenhundert Meter über dem Erdboden belegen!
Das gleichmäßige, terassenförmige Abfallen der Felsen erleichterte freilich diese Mühe; überall wuchsen Bäume, überall sprudelte reichlich klares Wasser und fand der Fuß in Moos und Flechten einen festen Halt, der Kopf Schatten unter rauschendem Gezweig. Da oben lag hinter dreißig Meter hohem Klippenkranze ein stiller, kreisrunder See, dessen Bild von erhabener Schönheit sich der Erinnerung unverwischlich einprägte. Auch den Krater Tafna bestieg die kleine Gesellschaft und dann führte sie Johannes zu dem bedeutendsten Punkte der Insel, einem unterirdischen Gange, der meilenweit durch das Gebirge dahinlief und endlich am Ufer des Ozeans ausmündete. Stellenweise fanden sich Zugänge, so daß unsere Freunde nur etwa eine halbe Stunde durch den gewölbten, von weißen und gelben Inkrustationen bedeckten Tunnel dahinzugehen brauchten, um dann am Endpunkte desselben ein ebenso schönes als großartiges Schauspiel zu genießen. Vor ihren Füßen brandete gegen das Korallenriff die ewig bewegliche See und dehnte sich links der Hafen mit seiner stattlichen Reihe von Schiffen aus aller Herren Länder, während rechts der Wasserfall donnernd und gewaltig aus schwindelnder Höhe herabfiel und gerade über den Köpfen der Schauenden die Stadt selbst am sanft aufsteigenden Berggelände sich erhob. Holm sammelte Stücke des verschiedenen Gesteines, brach auch etliche verirrte Muscheln von der äußeren Kante los und arretierte ungeheure Frösche und Spinnen, die hier in großer Anzahl hausten, dann kehrten alle durch den kalten, hallenden, fast schauerlichen Gang zurück zum Walde, wo sich Pferde und Gepäck glücklich wieder vorfanden. Noch vor Abend war Apia erreicht.
Neue Feste, neue Gesellschaften nahmen hier in angenehmem Wechsel mit den Arbeiten unter Holms Leitung die nächsten Wochen ein, dann wurde alle diese Gastfreundschaft erwidert durch ein glänzendes Diner an Bord der „Hammonia“. Aus so vielen Aufmerksamkeiten konnten die beiden jungen Leute ersehen, welch hohe Achtung der Name ihres Vaters sich unter der dortigen Bevölkerung erworben. Franz war geheilt von seinen knabenhaften Plänen und Ideen, er hatte hier inmitten der Schöpfungen kaufmännischen Talentes und der regen, energischen bürgerlichen Thätigkeit vollauf erkannt, zu welch segensreichem Wirken gerade der Handel berufen ist, wie er in seiner höheren Entwickelung zur Basis wird, auf der Kultur und Sitte ihre festen, weltumschlingenden, welterziehenden Bauwerke aufführen.
Franz hatte aber auch aus eigner Erfahrung gelernt, daß vorwiegend die gemäßigte Zone berufen ist, alle Blüten der Kultur und höchsten Vollendung zu erzielen. Nur wo der Mensch ein Heim, ein Vaterland besitzt, das in Klima und Produkten der industriellen Thätigkeit, dem Ackerbau und der Gesundheit als Förderungsmittel dient, da kann er über das einfach Unerläßliche, über die tierischen Bedürfnisse hinaus, an mehr und Höheres denken, da kann er schmücken und aufbauen, während in heißen und kalten Ländern alle Sorgfalt der bloßen Erhaltung im Kampfe mit verheerenden Naturkräften zugewendet bleiben muß und einerseits die üppige Fülle des Südens in seinen Bewohnern jenen sittlichen Ernst des schaffenden, arbeitsstarken Nordens niemals aufkommen läßt, anderseits die erstarrende Kälte der Polarzone notwendig jeden freieren Trieb lähmt. — —
Das Schiff nahm Palmöl und Kopra ein; während dessen erhielt der Malagasche, wohl vorbereitet durch seinen würdigen Erzieher, Doktor Bolten, als Rudolf Harms die christliche Taufe, bei welcher Gelegenheit ihm im Namen der Firma Gottfried ein ansehnliches Geldgeschenk und ein Brief des Chefs überreicht wurden, in welch letzterem Herr Gottfried den jungen Mann aufforderte, als Lehrling bei ihm einzutreten und in seinem Geschäft zu bleiben, nach freier Wahl auf dem Kontor in Hamburg oder in Apia.
Holm und Herr Frank versahen Patenstelle, viele hübsche Geschenke wurden dem ehemaligen Sklaven gespendet und allerseits geraten, lieber vorerst hier in Apia zu bleiben. Rudolf — wie wir ihn nun nennen müssen — hatte das auch heimlich längst schon erkannt und sprach es zuletzt offen aus. „Ein halber Wilder bin ich ja doch noch,“ sagte er lächelnd, „also laßt mich einstweilen bleiben, wo — außer mir auch andere Wilde leben.“
Holm und die übrigen gaben ihm im Herzen recht, als aber endlich der Tag des Abschieds herankam, da that doch die Trennung sehr weh. Franz konnte nicht glauben, daß ihm „Rua“ fortan fehlen solle, er konnte ihn nicht lassen, als seine Hand zum letztenmale in der des Freundes lag. Immer wieder umarmten sich die beiden, immer wieder erneuten sie das Gelübde jenes Abends, als einer das Blut des anderen getrunken, jenen Schwur, der sie unzertrennlich als Brüder verband. Sie sollten nun beide von Weltumseglern zu fleißigen Lehrlingen werden, der eine in Apia, der andere in Hamburg; aber dennoch wollten sie sich dereinst wiedersehen, dennoch mußte ihre Zukunft eine gemeinsame bleiben, das gelobten sie sich fest.
Und als der letzte Händedruck gewechselt, als das Schiff zur Heimfahrt die Schraube in Bewegung setzte, da wiederholten die Herzen, was früher die Lippen ausgesprochen. „Auf Wiedersehn! Auf Wiedersehn!“ — —