Die Südsee und der Indische Ozean waren durchlaufen, das Schiff befand sich im Roten Meer, wo widriger Wind und schwere Stürme die Reise zu einer äußerst anstrengenden und gefahrvollen machten. Das einzig Neue dieser Fahrt bestand in langen Zügen einer mikroskopischen Alge, die stundenweit treibend das Wasser mit tiefem, gesättigten Purpurrot färbte, und der das Meer seinen Namen verdankt, — später erst bei dem Eintritt in den Meerbusen von Suez gewann die Tour wieder für alle Teilnehmer lebhafteres Interesse.
Als sie beim Eintritt in diesen zipfelartigen Ausläufer des Roten Meeres an der gebirgigen Küste Arabiens entlang fuhren, da war es, wo der Doktor seine jungen Gefährten auf die heilige Bedeutung des Ortes hinwies.
„Seht ihr den Berg da im Nebel?“ fragte er, auf die vom blauen Duft verhüllte, imposante Masse in der Ferne hindeutend. „Das ist der Sinai, von dessen Gipfel der Menschheit erstes Gesetz verkündet wurde. Es ist heiliger, klassischer Boden, den wir berühren, — zum erstenmale seit unsrer Abreise von Hamburg.“
Mittlerweile hatte der Dampfer Suez erreicht, den Anfangspunkt des berühmten Kanals.
Eine fünfzehn Meilen breite Landenge, das Rote und das Mittelländische Meer trennend, hatte sich hier unter Menschenhand in eine Wasserstraße verwandelt und nur gegen eine hohe Abgabe — 10 Frank die Tonne und ebensoviel der Kopf — war die Durchfahrt gestattet.
Zwischen bebauten Ufern wie auf einem stillen Strom des Binnenlandes glitt der Dampfer dahin. Der Kanal besaß nur sieben Meter Tiefe und achtundfünfzig bis hundert Meter Breite und war durch Zementdämme eingefaßt, während mehrere Seen, die er passierte, immer von schmalen Bodenschwellen unterbrochen, von Zeit zu Zeit eine höchst interessante Abwechselung darboten. An Ismailia, der Wunderstadt des Khediven von Ägypten vorbei, durch brakige Seen verfolgte der Dampfer langsam und vorsichtig seine Bahn, bis er endlich bei Port Said den engen Kanal verließ.
Vor den Blicken aller dehnte sich das Mittelmeer, — sie waren jetzt wieder in Europa, konnten die Tage zählen, bis das Schiff seine letzte Bahn durchmessen; kein Wunder also, daß namentlich an dieser hochinteressanten Stelle, an der Schwelle zweier Welten, ihre Stimmung eine ernste, gesammelte war. Drei lange Jahre des Genießens, des reichen Ertrages lagen hinter ihnen, aber auch drei Jahre der schwersten Anstrengungen und des Entbehrens; aus den spielenden, ahnungslosen Knaben waren denkende Menschen geworden; das Leben hatte ihnen seinen Ernst, seine Anforderungen aus nächster Nähe gezeigt; sie hatten zwei Genossen der Reise, zwei junge Leute, die fröhlich mit ihnen das Wanderlos geteilt, im fernen tropischen Süden dem Grabe überliefern müssen und hatten erst vor zwei Tagen den altehrwürdigen Punkt gestreift, von welchem aus dereinst das Licht der Kultur und Religion hellstrahlend aufging über alle Welt und alle Zeit, — der tiefe Eindruck wurde erst verwischt, als das weite Meer wieder unabsehbar den Dampfer umgab und andere Schiffe vielfach vorüberglitten, Grüßen aus der Heimat gleich, Boten, die vom Wiedersehn kündeten, von entzückendem, seligen Ausruhn nach langer, sturmvoller Fahrt.
Am zweiten Tage sahen die Reisenden ein Schiff, das bei stillem, sonnigen Juliwetter zwei Boote aussetzte und selbst back lag, d. h. Segel nach beiden Seiten gestellt hatte, so daß es die Luftströmung, anstatt zu treiben, auf seiner Stelle festhalten mußte. Jedenfalls arbeiteten hier Taucher; der Kapitän begrüßte daher in seemännischer Weise mittels der Flagge seinen Kollegen und ließ den Dampfer seitlängs von dem stillliegenden Segelschiff beidrehen. Hier war vor einigen Wochen ein französisches Dampfschiff durch Explosion zu Grunde gegangen, weshalb jetzt Taucherversuche gemacht werden sollten, um womöglich den Eisenrumpf aus dem Wasser zu heben, wenigstens aber doch das Wertvollste der verunglückten Ladung zu bergen.
Die beiderseitige Bekanntschaft war bald gemacht; auch die „Hammonia“ setzte ihr großes Boot aus, und sämtliche junge Leute fuhren bis zu der Stelle, wo auf dem sehr seichten Grunde einzelne Teile des Wracks deutlich erkennbar dalagen. Es sollte zuerst festgestellt werden, ob sich das gesunkene Schiff in heilem oder geborstenem Zustand befinde, daher wurden zwei Taucher zu beiden Seiten desselben langsam herabgelassen, ganz in wasserdichte Stoffe gekleidet mit dem Helm, der nach dem System Rouquonvil den selbstthätigen Apparat zur Luftbereitung und Luftzuführung in sich schloß, die Nase verklemmt, was ihnen ein teuflisches Aussehen gab, und im Mund das Rohr der einfachen aber vortrefflichen Vorrichtung. Die Leute konnten bei gänzlich freiem Gebrauch ihrer Glieder fast eine volle Stunde unter Wasser bleiben, sie begannen daher das Wrack zu erklettern, als plötzlich ein halb komischer, halb ernster Zwischenfall den weiteren Verfolg der Arbeit hinderte und auf der Oberfläche des Wassers die im Boot Sitzenden mit lebhaftestem Interesse erfüllte.
Dem einen Taucher hatten sich zwei riesige Schwertfische genähert, von wenigstens fünf Meter Länge mit sägenartig gezahnten Ausläufern des Oberkiefers, anderthalb Meter langen, furchtbaren schneidenden Schnäbeln oder Schwertern, die aber auch, vorn spitz wie ein Degen, als Stoßwaffe dienen konnten. Die walzenförmigen, glatten, nur mit einer einzigen Rückenflosse versehenen Körper schossen pfeilschnell heran und versuchten beide irrtümlich zuerst den Eisenleib des Wrackes zu durchbohren, richteten dann aber ihre ganze Aufmerksamkeit gegen den unvorsichtigerweise ihrem Treiben zusehenden Taucher und warfen diesen so schnell zu Boden, daß oben in freier Luft die Leitungsröhren von dem heftigen Anprall erzitterten.