Das Kind unterbrach sie fast heftig. »Du lachst!« rief sie aus; »Tante Marie sagt: wenn man von Mama spricht, dürfte man nicht lachen, man müßte leise sprechen und an Gott denken. Mama wohnt dort oben!«

Lily legte rasch ihre Arme um das Kind. Ein ihr unbekanntes Gefühl von Einsamkeit durchzuckte sie. Eine Zärtlichkeit, wie sie solche noch nicht empfunden hatte, überkam sie jäh. »So hast du also keine Mutter mehr, du arme Kleine? Wir sollten uns miteinander befreunden. Mir geht es ebenso, ich habe auch keine Mutter!«

»Oh – aber ich habe eine,« sagte ernsthaft das Kind; »ich habe sie bei mir, willst du sehen?«

Sie zog mit Hast an der schmalen Halskette, die sie trug und riß in ihrem Ungestüm das Medaillon davon los. Es fiel dem Mädchen in den Schoß, wo es weitgeöffnet liegen blieb. Lily starrte darauf nieder. Welch seltsame Augen in dem noch seltsameren Antlitz! Schön, hinreißend schön und bestrickend war der Frauenkopf, der mit solch traurigen Augen zu ihr aufsah. Lily wurde weh ums Herz. Sie zog fast unwillkürlich das kleine dunkle Kindchen, das andächtig an ihrer Seite stand, in ihre Arme und küßte es.

»Du weinst,« flüsterte die Kleine und Lily wußte selbst nicht, weshalb sie denn eigentlich weinte. Sie saß mit der Kleinen lange schweigend da und hob erst den Kopf, als sich das Kind lebhaft umwandte.

»Was?« rief sie erstaunt und erfreut. »Fräulein Müller, Sie sind Tante Marie? wie freue ich mich Sie zu treffen! Ich war krank; es ist das erstemal, daß ich wieder ausgehe, ist es nicht seltsam, daß ich hier unbewußt mit Ihrem Zögling geplaudert habe?«

Die Neuangekommene hatte sich neben dem Mädchen gesetzt. Sie hob das kleine Bürschchen, das sich schüchtern und befangen in ihre Röcke verbarg, zu sich auf den Schoß und reichte der Freundin die Hand. »Dies ist Edgar,« sagte sie, das Kerlchen vorschiebend, nachdem sie ein Weilchen geplaudert hatten, aber Edgar weigerte sich, aus seiner Schüchternheit hervorzutreten und schaute nur ängstlich abwehrend zu der fremden Gestalt auf.

»Welch seltsame Augen!« rief Lily unwillkürlich.

»Er hat die Augen seiner Mutter,« entgegnete Marie, und Lily beugte sich rasch zu ihr: »Sie haben sie gekannt?«

»O ja!« entgegnete das Mädchen, »ich kam zwei Jahre vor ihrem Tode zu ihr. Ich kannte sie gut. Ich war, als ich in ihr Haus kam, ein im Innern tief erschüttertes Geschöpf. Ihre Milde und Güte, verbunden mit der Harveys, brachte mich zu mir selbst zurück, und so danke ich diesen Menschen mehr als ich je zu vergelten imstande sein werde!«