»O bitte, erzählen Sie! Erzählen Sie mir von dem Hause und von Ihnen!«
»Von mir?« Marie Müller seufzte tief auf. »Von mir? – Die Geschichte ist kurz und traurig. Sie ist vielleicht gar nicht interessant, aber ich lernte durch sie das Leid kennen, und dann den Wert guter Menschen. Ich will's Ihnen in kurzen Umrissen erzählen, ich fürchte in mir noch wund zu sein, und durch ausführliche Erzählung alte Schmerzen von neuem aufzureißen. Können Sie sich denken, daß ich einst liebte und geliebt wurde? Geliebt wurde trotz meiner – Gestalt? Sie sehen mich an; Sie wundern sich. Es war aber auch ein armer blinder Mann, der so thöricht war, sein Herz an mich zu hängen und er hätte es auch wohl nicht gethan, wenn nicht vor seinen Augen jener Schleier gelegen hätte. Ich war Vorleserin in der Klinik für Augenkranke, und in dieser Thätigkeit täglich auf Stunden bei ihm. Er hatte sich an mein Kommen gewöhnt und meine Stimme war ihm lieb geworden und ich, es war wohl Unrecht von mir, daß ich die Empfindung bei ihm keimen ließ, aber ich war stets einsam gewesen und nicht glücklich und es lag eine Seligkeit darin, sich von einem Menschen, von einem Einzigen ersehnt zu wissen, wie ich wußte, daß mich mein armer Patient ersehnte. Der Tag kam, an dem die Binde von seinen Augen fallen sollte, und in seinen Frühstunden hörte ich das Geständnis seiner Liebe, einer Liebe, die, das wußte ich, schwinden mußte, sobald die Augen sehend wurden. Ich kann Ihnen die Einzelnheiten nicht erzählen, aber ich ging fort, ging ohne ein Abschiedswort, und ließ ihm in wenigen Zeilen mein entschiedenes »nein« zurück. Es kam eine Zeit, in der ich mich, meinen verwachsenen Körper, meine Mitmenschen und die Welt haßte. Da kam ich zu ihr. Dann traf ich auch ihn, Herrn Harvey. An ihm hatte ich ein edles Vorbild. Von ihm lernte ich, daß ein braves Herz durch Prüfungen stark und durch das Unglück veredelt wird. Als er mir, nach Nitas Tode, den Vorschlag machte, ihn und die Kinder zu begleiten übers Meer in die Heimat, da willigte ich gerne ein. Wir hatten dasselbe Ziel. Es galt, aus den verlassenen Kleinen brave Menschen zu machen. Wir haben zusammen gewirkt und unser Leid in gutem Streben vergessen?« Die Erzählerin schwieg. Lily faßte aufatmend ihre Hand.
»Und er?« fragte sie teilnahmsvoll, »von ihm haben Sie nie wieder gehört?« Marie schüttelte stumm den Kopf und sah zu dem Mädchen auf. Eine Thräne lag in beider Augen.
»Arme Marie,« flüsterte Lily leise und in ihrem Herzen offenbarte sich ihr eine Welt von Empfindung, die sie nie vorher gekannt.
Herr Harvey war von seiner Reise zurückgekehrt. Er saß in dem Spielzimmer der Kinder. Jeannette hatte ihm ihre Hefte gezeigt, ihr neuestes Gedicht hergesagt, ihr Zeichenbuch präsentiert und schließlich das schöne seidene Kleid, das die Puppe bekommen hatte von – »rate einmal Papa, von wem?«
Papa konnte schlecht raten. Er zählte die Lehrerinnen her, deren Namen ihm geläufig waren, dann die wenigen älteren Damen, mit denen er in formellem Verkehr stand, dann Tante Marie und das Dienstpersonal.
»Ach Papa, du sagst immer die falschen; ich sagte dir doch: sie ist süß und schön und hat krause Haare. Du mußt's doch erraten können!«
Harvey schüttelte den Kopf. »Nein, Jeannette, ich kann's nicht, ich geb's auf.«
»Dann paß' auf! Ich buchstabiere es: L–i–l–y!« Die Hand, welche die Puppe hielt, umschloß diese fester.