Ich begann mir ernstliche Vorwürfe zu machen, daß ich die weiche Regung des verwahrlosten Knaben zurückgestoßen und ihm vielleicht auf immer den Mut genommen, sie wieder zu offenbaren. Wer konnte wissen, wie tief ihn meine Nichtbeachtung seines wohlgemeinten Trostes geschmerzt – wie zerknirscht –

Mein reuiger Gedanke wurde durch ein dumpfes Gemurmel unterbrochen. Von meinem Fenster aus konnte ich trotz des eingetretenen Dämmerlichts sehen, wie ein Menschenhaufen sich vor der gegenüberliegenden halb verfallenen alten Kirche ansammelte, und besorgten Blickes zur Spitze derselben aufschaute, von wo aus rasch aufeinanderfolgende kleine brennende Hölzchen herniederfielen. Brannte es? War ein Feuer ausgebrochen? Ich bog mich geängstigt weit aus dem Fenster und durchspähte prüfend den oberen zackigen Vorsprung des verfallenen Baues.

War es möglich? Ich stand vor Entrüstung zitternd aufrecht. Dort oben, hinter einer der vorspringenden zerstückelten Figuren versteckt – lugte der rote Kopf Charley Gregors vorsichtig auf die Menge herab, während er mit empörendem Eifer kleine Stücke von der bröckeligen Holzballustrade ablöste – sie mittelst eines Zünders anblies und bedächtig unter die unten versammelte Menge vertrieb. Der leichte Abendwind trug glücklicherweise die brennenden Hölzer hin und her und löschte die bläulichen Flämmchen, bevor sie die Menschen erreichten, wo sie nur noch als kleine Kohlen glimmend zur Erde regneten. Ich sah noch, wie eine ganze Handvoll solcher Funken auf einmal herniederfiel, sah, wie eine vorsichtig kletternde kleine Gestalt mit der Behendigkeit einer Katze die hintere Steinwand entlang – vom Vorsprung zum Fenster und dann weiter abwärts glitt, und, plötzlich inmitten der Menschengruppe stehend, mit dieser hinaufschaute nach der Stelle – von der aus er selbst noch vor wenigen Sekunden die brennenden Hölzer geworfen.

Ich schloß, über die besonnene Schlechtigkeit dieses Knaben entrüstet, das Fenster, und trat, empört über seine klar zu Tage getretene Verderbtheit, mißgelaunt ins Zimmer zurück.

Es war mir unerquicklich, daß mich während der Nacht das sommersprossige Gesicht des »Gregor-Jungen« verfolgte. Bald sah ich ihn an hohen zackigen Felsen hängen, bald auf irgend einem Dachvorsprung sitzen, von dessen Kante aus er die gefährlichsten Sprünge machte, und so überraschte es mich nicht sonderlich, als ich in der Frühe an meinem Schreibtisch sitzend, eine wohlbekannte Stimme in geheimnisvollem Flüsterton rufen hörte:

»Hay Missus!« Ich blickte von meinen Manuskripten auf. Vor der obersten Scheibe meines Fensters baumelten zwei unreinliche Spitzen zweier sehr unreinlicher Stiefel. Es war unschwer zu erkennen, wessen Körper über den dicken Sohlen schwebte. Ich trat auf den Balkon hinaus. An den Stäben des zum oberen Geschosse gehörigen Balkons hielt er sich, während sein herabspähender Kopf eine günstige Stelle zum Hinabspringen zu suchen schien.

»Pleasant morning!« (Angenehmer Tag!) rief er, mit der familiären Miene eines täglich willkommenen Besuchers, und ich vergaß über dem unbefangenen Gruß des Knaben, wie über der beängstigenden Lage seines Körpers meine Indignation von vorher.

»Ein sehr angenehmer Tag, aber du wirst gleich stürzen,« rief ich so ruhig wie möglich zurück.

»Aus dem Weg', ich komme!« Der Warnungsruf kam nicht einen Augenblick zu früh. Der feste kleine Mensch landete geräuschvoll auf dem Balkon und stand an meiner Seite. Mein unerwarteter Gast trat dicht vor die Schwelle meines Zimmers und spähte mit unverfrorener Dreistigkeit in das Innere desselben.

»Hat er hier bei Ihnen sitzen dürfen?«