»Weshalb nur manchmal?« Charley warf ein Bein über die Brüstung des Balkons.

»Meistens schwänze ich!« Ich sah voraus, wie die alte höhnische Stimmung ihn zu überkommen drohte und mühte mich, sie fern zu halten.

»Aber das ist unrecht. Das betrübt deinen Vater!« Die rote Mähne flog von der Stirn zurück. Die blauen Augen sahen groß zu mir auf.

»Mein Vater macht sich gar nichts draus!« erklärte er sehr bestimmt.

»Woher weißt du denn das?«

»Er sagt's. Er hat mich aufgegeben. Sagt, aus mir wird doch nichts! Früher hat er gehauen – dann bin ich davongelaufen – dann hat er mich eingesperrt, wenn der Lehrer klatschte, daß ich geschwänzt hatte. Jetzt kümmert er sich nicht mehr drum. ›Thu, was du willst‹, sagte er, und so thue ich, was ich will. Gestern habe ich geschwänzt, heute auch – niemand kümmert sich drum! Kann ich 'mal reingehen?«

Charley Gregor trat, ohne meine Erlaubnis abzuwarten, mit der ihm eigenen Dreistigkeit in meine Behausung ein. Ich habe nie vergessen können, mit welch eigentümlich andächtiger Bescheidenheit sich der brutale Straßenjunge bei diesem seinem ersten und letzten Besuch bei mir verhielt. Die Hände tief in den Taschen vergraben, wie um sich vor »Anfassen« zu bewahren, oder um die Unreinlichkeit zu verbergen, umkreiste er dreimal das Nipptischchen, auf dem die Reliquien meines heimgegangenen Kindes gesammelt lagen.

»Kleiner Schuh!« sagte er einmal halblaut, indem er mit überlegenem Lächeln das kleine lederne Bekleidungsstück betrachtete, »ich kenne ein kleines baby – da unten am Wasser wohnt's – das hat solch kleine Füße. Manchmal gehe ich hin und bringe ihm ein Stück Zucker, und das steckt es auf einmal in den Mund und schiebt die ganze Faust nach. ›Charley‹ kann es noch nicht sagen, es sagt ›Tally‹, und wenn es lacht, sperrt es den Mund ganz weit auf und dann sieht man nur drei Zähne; mehr hat es nicht!«

Es war ein herzgewinnendes Lachen, mit dem er die kleine knabenhafte Beschreibung begleitete, und es erhellte sein Gesicht, wie ein Sonnenstrahl. Ich fuhr ihm lächelnd über das krause Haar, und er sah verwirrt zu mir auf. Seltsam war es, daß sich mir jeder seiner Blicke und jedes seiner Worte so fest einprägten! Ich saß lange, nachdem er mich verlassen, und sann über seinen Besuch nach. Wie anders erschien mir der Knabe jetzt! Und wie schlug mein Herz vor Erbitterung gegen den Mann, den Vater des an Gemüt reichen Knaben, der den Weg nicht fand zum Herzen seines Kindes! Liebte er wirklich das Kind nicht, oder verstand er es nur nicht, das trotzige Wesen desselben zu lenken?

Es war Abend geworden. Die milde Frühlingsluft zog mich hinaus in den Garten. Es war ringsum still, und wider meinen Willen schweiften meine Gedanken zu dem Nebenhaus hinüber. Dort lag alles im Dunkel. Schlief man bereits? So intensiv gespannt horchte ich hinüber, daß ich das Geklirre der Kette an der Gartenthüre des Nebenhauses überhörte, und erst als eine Stimme »Missus« rief, wandte ich mich um und gewahrte meinen Knaben auf der Straße stehend.